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Tatsachenreport



Statt Kirchgang

Meine Freundin und ich haben ein neues Ritual. Seit kurzem sind wir immer sonntags um 10 Uhr verabredet, um miteinander zu schlafen. Sie ist Katholikin, sie hatte sofort „zum Gottesdienst“ parat, als wir überlegten, wann ein guter Zeitpunkt sei.
Wir sind seit achteinhalb Jahren zusammen, dazu kommt so dies und das an körperlichen Versehrtheiten, und so ist im Laufe der Jahre die Luft langsam rausgegangen aus dem Ballon, der mal die Lust war. Hinzukommt, dass mit unseren Wechseljahren sich die Hormonlage so verändert hat, dass man gar nicht mehr so häufig auf die Idee kommt, miteinander schlafen zu wollen.
Weil aber auch etwas fehlt, nämlich das Verbindende, das der Sex immer gebracht hat, haben wir gedacht, wir verabreden einen Termin dafür.

Der Sonntagmorgen ist dafür bestens geeignet. Weil dann endlich mal beide ohne Druck aufwachen. Keine, die schnell aufstehen muss, weil sie pünktlich im Büro sein muss. Man kann einfach liegenbleiben und sich erstmal um die Beziehung kümmern, bevor doch wieder irgendwas getan werden muss.
Wichtig ist uns, dass es nicht darum geht, dass „richtiger Sex“ dabei rauskommt. Es reicht, sich erst einmal auszuziehen und nackt unter einer Decke zu liegen. Auch das hatten wir schon ewig nicht mehr gemacht.
Dann kann man ganz langsam anfangen, sich zu streicheln, am Arm oder am Rücken und nach einer Zeit kommt das Küssen ganz von allein. Und dann auch der Rest. Oder auch nicht. Was aber nichts macht, denn allein mal wieder so beieinander zu sein, tut uns sehr gut und schafft eine Nähe, die wir lange nicht mehr hatten.
Weil gleich schon das erste Mal so ein begeisternder Erfolg war, hat meine Freundin sich vorgenommen, dass ich vor ihr zum Orgasmus kommen soll. Das ist nämlich etwas ein Thema bei uns. Sie kommt immer sehr schnell, ich ewig nicht.
Das hat nicht wirklich geklappt. Aber, das haben wir schon verabredet, nächsten Sonntag versuchen wir es nochmal.

T., 56 J.

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