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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: Weltrettendes nerviges Klopapier und die Pläne von einst

Gutes Vorhaben: die Welt retten. Entweder durch hartes, graues Klopapier oder Briefmarken mit Aussage

Statt mit so was wie ‚Shades of Grey‘ berühmt zu werden, muss man sich mit sprechenden Unterhosen rumschlagen

Beim Rumdaddeln am Laptop finde ich rund zehn Jahre alte Notizen, damals offensichtlich locker aus dem Handgelenk geschüttelt: „Tarot süchtige, Engelskarten legende Frau schläft mit ihrem Chakra-Meister, aber nur weil er sagt, dass die Engel das so wollen und sie glaubt es und kriegt erst später raus, dass das gar nicht stimmt.“ Brillant! Fast noch besser: „Sexsüchtige Frau arbeitet während des Studiums heimlich als Domina und wird dabei ichweißnichtwas, auf jeden Fall fies von ihrem Zahnarzt und alles drin und dran.“  Ich erinnere, dass ich plante, im Kielwasser von ‚Shades of Grey‘ reich und berühmt zu werden. Keine Ahnung, was mir dazwischen kam, im gleichen Ordner liegen jedenfalls die Texte, mit denen ich damals mein Geld verdiente: „Den schmalen, langen Trend-Schal in feinen Punto Fancy Color-Tönen sollten Sie sich am besten gleich zweimal stricken: einen für himmelblaue, einen für rosarote Tage! Voluminöse, schimmernde Perlen geben dem Must-have-Accessoire der Saison einen aparten Kick und machen es auch abendtauglich.“ Bildunterschriften für Strickmuster-Kataloge, ein einträgliches Geschäft.

Nach dem Kauf des harten, kratzigen Klopapiers möchte ich nicht durch eine sprechende Unterhose belästigt werden

Kommen wir zu einem anderen Business: Weltretten. Ich versuche, meinen Teil beizutragen und kaufe seit Jahrzehnten ausschließlich graues, recyceltes Toilettenpapier. Auf der Packung steht „1 Rolle spendet 1 Tag Toilettennutzung für einen Menschen in Not“. Wie hartherzig muss man sein, um zu sagen: „Okay, sehr gute Idee, aber nein danke, ich nehme lieber das hübsche, schneeweiße, 4-lagige Flauschpapier?“ Nach dem Kauf möchte ich allerdings meine Ruhe haben, ich habe das Papier bezahlt und möchte auf dem Klo nicht weiter belästigt werden. Auf den Rollen ist aber eine gepunktete, sprechende Unterhose abgedruckt. Die Unterhose sagt: „Hosen runter, wir retten die Welt.“ Das ist ein Befehlston, der mir nicht passt, nebenbei ist das Papier kratzig wie ein Intimpeeling, falls es so etwas gibt. Neulich nun, als ich kurz vor Mitternacht durch den Supermarkt hastete, um das gewohnte Zeugs zusammenzuraffen, kam mir ein Aktions-Regal mit weißem Klopapier in die Quere. Frontal auf der Umhüllungsfolie ein einziges Wort: „Traumweich.“ Seitlich unter dem Markennamen die zurückhaltende Information: „wohlfühlen seit 1928.“ Eine kleine Weile zitterte ich wie ein hungriges Frettchen, dann schlug ich zu. Zum Ausgleich kaufe ich kein Küchenpapier mehr und putze mit Schwämmchen und Handtuch. Ist hoffentlich okay, Welt.

Einen Tag lang wie ein Bär benehmen

So, Zeit mich auf dem Boden zu wälzen. Ich habe einen Test gemacht: „Welches Lockdown-Hobby passt zu Ihnen?“ Schöne Fragen wie „Was denken Sie Montagmorgen beim Aufwachen?“ Antwort meiner Wahl: „Warum nur habe ich die vierte Staffel von ‚The Crown‘ auf einmal angesehen? War nicht eben noch Freitag?“ Ergebnis jedenfalls: Ich soll mich mit einem Eimer Farbe übergießen und auf ausgelegtem Packpapier umherrollen. Menschen in meinem Umfeld versuchen anderes für einen kleinen Abflug: eine Unterhaltung ohne den Buchstaben S führen oder sich einen Tag wie ein Bär benehmen.



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