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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: Das alte Jahr wird weggeräuchert, damit der Weg für die Orgien frei ist

Etwas Myrre, ein wenig Griesbrei, die moderne Hexe weiß, Magie herzustellen

Beruhigende Erkenntnis: Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese 

                                    

Wenn ich nachts schlaflos in der Küche sitze und meine Brote gegessen habe, brülle ich den Marder an. Die Küche ist im Erdgeschoss, der Marder wohnt seit Längerem unter dem Fußboden und lärmt dort unangenehm herum. Ich versuche, positiv zu denken: Um drei Uhr in der eigenen Wohnung ungestört jemanden anbrüllen zu können, hat auch sein Gutes.

Leider sind Rauhnächte aufwändiger, als Kühe

Danach überlege ich, wie alles zusammenpasst, so insgesamt. Eventuell wäre ich damit schon weiter, hätte ich die Sache mit den Rauhnächten durchgehalten. Die Rauhnächte sind en vogue, zumindest unter Seelen-Coaches und ihren Anhängerinnen. ‚Hase,‘ dachte ich mir, ‚auch dir dürfte etwas Magie nicht schaden, mach mal mit.‘ (Fix memoriert für alle, die es gerade nicht mehr präsent haben: Die Rauhnächte gehen vom 21. bis zum 31.Dezember. Unsere keltischen Vorfahrinnen trieben in diesen zwölf Tagen allerlei Magisches, räucherten und sprachen mit Geistern, um das alte Jahr bewusst abzuschließen und das neue gut zu empfangen.) Wie bei sehr vielen Sachen, bei denen ich mal mitgemacht habe (Mundharmonika lernen, eine Ehe führen, Sport treiben), habe ich zügig festgestellt, dass der Aufwand beträchtlich ist.
Vorweg gilt es, häusliche Unordnung zu beseitigen, alte Rechnungen zu begleichen, Räucherkohle, Myrrhe und Zirbelholz zu besorgen und sinnvollerweise einen Fächer aus Vogelfedern zu basteln. Während der zwölf Sessions an sich geht es um die irren, großen, tiefgehenden Fragen des eigenen Lebens. Am vierten Tag zog ich mit Pralinen und Sekt aufs Sofa, um mich zu beruhigen. Da liege ich seitdem und denke einfaches Zeug: „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.“ Das ist von Nietzsche. Von mir: „Was nur mit Räucherwerk bewerkstelligt werden kann, ist etwas für Menschen, die auf Facebook ‚Ich bin nur eine Katze, aber wenn jemand Dein Herz bricht, können wir mit meinem weiterleben.‘ posten.“

Im Sommer gibt´s ne Orgie. In meinem Garten

Ansonsten habe ich nur schöne, zuversichtliche Gedanken. Als die Pest vorbei war, wurden Orgien gefeiert, da möchte ich anknüpfen. Meine Orgie wird im sommerlichen Garten stattfinden, es wird jede Menge sanft gepolsterter Liegemöglichkeiten geben und ein Planschbecken. In den Bäumen hängen Lampions, der Crémant fließt neben dem Schokoladenbrunnen. Wer unbedingt will, kommt mit Partner*in, aber es wird fremdgeknutscht. Um aufreizende, dezent schlampige Kleidung wird gebeten, ebenso um die richtige Einstellung: cool, offen und subtil horny. Es darf in die Büsche gekotzt werden.

Fix noch das Jahres-Horoskop für alle verzagten Schnuffel: Keine Sorge, 2021 wird flott, mit hübschen Abenteuern und Liebhaben, ich schwör! Smiley, Smiley, Herzchen, Herzchen!



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