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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Aufmerksamkeit bitte!

In grauer Vorzeit war der den Po gerademal bedeckender Rock von Mary Quant die Provokation der Stunde. Will man heute mittelalte, weiße Frauen das Abendland untergehen sehen, muss man den Knopf der Hose offenlassen – und den Reißverschluss

Was ist los mit den jungen Mittelklassemüttern? Was genau ist das Problem der Brülläffchen? Eine Situation von hunderttausend ähnlichen, neulich im Supermarkt: gut gekleidete Mutter mit Kleinkind, Wagen voller Markenartikel, offensichtlich kein Geldmangel weit und breit. Kleinkind: „LEGO!“ Mutter (geduldig, Geräuschpegel Lautsprecherdurchsage): „Nein, Lukas, wir haben grad kein Geld für Lego! Wir fahren am Wochenende zu Oma und Opa, das kostet BENZINGELD! Und dann habe ich doch auch neue BETTWÄSCHE gekauft! Die kostet AUCH Geld!“
Aha, denkt jedermann im Umkreis von 50 Metern, nun weiß ich endlich, endlich Bescheid, wie es bei Lukas zuhause um alles steht, nämlich korrekt, und wie viele Ausrufezeichen seine Mama sprechen kann. Das mit dem Benzingeld und der Bettwäsche ist Lukas allerdings zu hoch und wurscht. Lego ist ihm auch schon wieder egal, er steht jetzt vor dem Kühlregal und staunt den Joghurt an. „Erdbeer!“ Lukas’ Mama: „Nein, Lukas, das ist SCHLECHTER Jogurt! Wir essen DEN hier! BIOjogurt.“ Danach liest Mama dem Lukas die Inhaltsangabe einer Packung Körnerklopse vor. „Ich guck mal, ob da KAROTTEN drin sind! Karotten verträgst Du ja nicht!“ Nun haben wirklich alle von der Kasse bis zum Käsetresen verstanden: Lukas’ Mama ist DA und sie ist ein super Erklärbär, eine extraprima Mutter mit sehr dollen pädagogischen Fähigkeiten. Vor allem aber braucht sie Aufmerksamkeit, viel, viel Aufmerksamkeit. Das Ganze hat noch keinen Namen, ich schlage MADS vor, Mütter-Anerkennungs-Defizit-Syndrom. Wie kann ich helfen, damit die Brüllerei aufhört und ich mich wieder auf meinen eigenen Kram konzentrieren kann?

Kein bisschen brüllerig ist der einzige Teenager, den ich noch zur Verfügung habe. Bei unserem letzten Treffen sah die 16-Jährige wieder mal verdammt gut aus, sie trug ein Stückchen Unterhemd über den frei hopsenden Brüsten (so ein Quatsch, feste Brüste hopsen ja nicht) und den Reißverschluss ihrer Jeans offen, also: bis unten hin. Der Knopf war natürlich auch nicht geschlossen, alles andere hätte albern gewirkt, das begriff selbst ich. Wir haben über Toleranz, Aufmerksamkeit und Empfindsamkeiten diskutiert, ich wurde aufgeregt und laut, sie lächelte milde. Später fiel ich erschöpft ins Bett und fühlte mich wie eine hundertjährige Schildkröte. Ich lasse mich ungern belehren, schon gar nicht von jemanden, der 85 Jahre jünger ist und eventuell, rein theoretisch gesehen, absolut recht hat.

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