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Meine späte Liebe namens Fussball

Tina Reinke musste 47 Jahre alt werden, um das zu finden, was ihr im Leben gefehlt hatte: der BVB

Grölen, weinen, jubeln und auf dem Weg dahin schlechte Musik hören

Ich war schon immer eine Spätzünderin.
Ich wurde spät eingeschult. Ich konnte trotzdem die Farben noch nicht richtig benennen, hatte meinen ersten Freund erst mit 17 und war schon fast Fünfzig, als mich die ECHTE LIEBE erwischte: die zum Fußball. Genauer: zu Borussia Dortmund.
Bis dahin war ich das gewesen, was Freunde einen Schönwetter-Fußball-Fan nannten.

Mein Ex-Freund war daran gescheitert, mich für den VfL Bochum und Schalke zu begeistern. Als mein Vater 2014 starb, hinterließ er mir unter anderem seine Leidenschaft für Hannover96. Ich versuchte, sein Erbe anzutreten, hielt aber nur kurz durch, weil der Verein sofort nach seinem Tod abstieg. Europa- und Weltmeisterschaften schaute ich immer gerne, und wenn Jogi auf dem Fernseher auftauchte, begrüßte ich ihn laut krakeelend. Aber für mehr hatte es nie gereicht. Vielleicht auch deshalb nicht, weil ich da noch sehr mit meinen Kindern, Krisen und der Karriere beschäftigt war. Aber dann, als ich schon 47 war, trat der BVB in mein Leben.


Ich bin Lehrerin und hatte im Herbst 2018 die Schule gewechselt. Viele der neuen Kollegen waren BVB-Fans, und ich versuchte, mir das Einleben am neuen Arbeitsplatz zu erleichtern, indem ich einen gemeinsamen Stadionbesuch vorschlug. Das passende Equipment musste ich mir von einer Freundin leihen: Danke, Luisa! Inzwischen könnte ich mit meiner Kollektion an gelb-schwarzen Trikots und Strümpfen selbst einen Fan-Laden eröffnen.      
Es war Liebe auf den ersten Blick.

Erst den Blazer durchschwitzen, dann Bratwurst und Bier

Schon tausend Mal vorher war ich vom Fußball berührt worden, tausend Mal war nix passiert. Aber an diesem Nachmittag machte es „Zoom”. Der Gesang, die Freude, das Leid der Menge: Ich badete darin, es war fantastisch. Es war genau das, was bis dahin in meinem Leben gefehlt hatte. Ich brannte auf der Stelle derart für den BVB, dass ich einem der Kollegen widerstandlos auf die Süd-Tribüne folgte, wo wir fortan gemeinsam von unseren Stammplätzen aus grölten, jubelten und weinten – jedenfalls bis Corona.
Jeder Spieltag im Stadion fühlte sich an wie eine Woche Urlaub. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich von morgens bis abends Prüfungen und zwei Blazer durchgeschwitzt hatte. Als ich fertig war, holte ich mein Kollege ab. Wir fuhren zusammen ins Stadion, wo wir an diesem Abend gegen Inter Mailand in der Champions League spielten. Da standen wir mit einem kalten Bier in der Hand und gaben uns der Fußballschaulust hin. Es gibt nichts Besserer nach einem anstrengenden Tag.


An normalen Spieltagen zelebrierten wir die bevorstehende Fahrt ins Stadion gerne schon am Vormittag mit Bratwurst und Bier. Alle Zwänge, die sich aus meinem Lehrerinnenleben ergaben, fielen mit jedem Kilometer, den wir uns dem Stadion näheren, von mir ab. Und vielleicht entwich mir dort auch mal ein beherztes „Hurensohn“ – wer weiß, und selbst wenn es so war, es interessierte dort niemanden. Die Menschen dort sind herrlich unterschiedlich, aber in ihrer echten Liebe vereinigt. Es gibt kaum etwas, wonach ich mich derzeit mehr sehne, als dass sich die Türen des schönsten Stadions der Welt endlich wieder öffnen und ich meinen Lieblingsordner Olli wieder umarmen kann, der schon immer von weitem winkt, wenn wir angeschlendert kommen.

Meine Mutter meint, ich hätte eine Midwife-Crisis

Zuerst ging ich nur zu den Heimspielen. Als wäre das für meine Kinder nicht schon schlimm genug gewesen, fing ihre Mutter dann auch noch damit an, sich für das VOLLE Fanprogramm zu begeistern: Ich trat einem FanClub bei, den BusBorussen – und aus jedem zweiten Wochenende wurde JEDES Wochenende. Ich war in Freiburg, weinte mehrmals in München, grüßte Bremen, schrie mir in Mailand das Herz aus der Seele, in Berlin fiel mir ein Fan auf den Kopf, und in Leverkusen ließ ich mich auch nicht lumpen und gab choreografisch alles.


Meine Mutter meint, ich hätte eine Midwife-Crisis und würde all das nachholen, was ich in jungen Jahren sein ließ, weil ich entweder vernünftig oder schwanger war. Wie auch immer. Ich liebe es, mit den anderen schwarz-gelben im Bus zu sitzen, schlechte Musik zu hören und Freud, Leid und Alkohol zu teilen. Und ich bin froh, dass ich 2018 und 19 so intensiv gefanlebt habe. Denn wann das wieder möglich sein wird, kann ja im Moment kein Mensch wissen. So wenig, wie ich weiß, ob ich, wenn es wieder losgeht, überhaupt noch weitere Tage und Nächte im Bus verleben kann und will.
Aber eins ist sicher: Meine Leidenschaft für die Echte Liebe wird bleiben. Oder um es mit den Worten aus einem meiner Lieblings-BVB-Lieder zu sagen:

»Es war Liebe auf den ersten Blick,

nur für dich Borussia verpass’ ich keinen Kick.

Ich erinner’ mich noch an das erste Mal,

ich war jung und trug voller Stolz deinen Schal.

Durch meine Adern da fließt anstatt rot,

schwarz und gelbes Blut und zwar bis in den Tod.

Du bist meine Liebe, mein Stolz, mein Verein,

für dich schwenk ich Fahne,

hau’ auf Trommel und stimm’ ein.«

Nur das jung stimmt halt bei mir nicht mehr so ganz. Aber wie heißt es frei nach Astrid Lindgren?
»Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Stadionsicherheitszäune zu klettern.« 

Tina Reinke


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