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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Cover: ©C.H.Beck, Bildmontage: Simone Glöckler

Worum geht es?
Woraus befreien sich Frauen, aus dem gesellschaftlichen Korsett oder der selbst verschuldeten Unmündigkeit? Der Roman „Die Harpyie“ gibt eine eindeutige Antwort, oder doch nicht? Seine Protagonistin Lucy lebt mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in einer reichen englischen Universitätsvorstadt. Die Frauen dort sind Ehefrauen. Sie arbeiten maximal wenige Stunden in Jobs unterhalb ihres Bildungsgrads und widmen sich meist hauptberuflich dem Projekt Familie. Ihre Männer sind Professoren oder gehören zur Publisher-Elite, der Lebensstandard ist hoch, und die Rolle der Frau darin klar. Es ist eine gebildete Version von „Die Primaten von der Park Avenue“. Als Lucy herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt, handelt sie mit ihm eine Revanche aus, um das verlorene Gleichgewicht – das nie eines war – wiederherzustellen. Diese Revanche fällt jedoch anders aus, als man denken mag, und setzt etwas frei, das sie immer weiter aus der Rolle der Ehefrau und Mutter herauslöst, ja aus ihrem Leben hinausträgt. Sie kehrt auf dieser inneren Reise zurück in ihre Vergangenheit, in häusliche Gewalt sowie einen sexuellen Missbrauch als junge Frau, und geht, so kann man sagen, stark verändert und befreit daraus hervor.

Was kann das Buch?
Der Roman ist unbedingt lesenswert. Megan Hunter erzählt brillant, radikal in ihrer Konsequenz, schnörkellos und eindringlich. Ihre Beobachtungen nehmen Lesende mit hinein ins Vertraute, um unvorbereitet ins Fremde vorzustoßen. Das Leitmotiv des Romans, die Harpyie, der mythologische Dämon, halb Greifvogel, halb Frau, breitet im Zuge der Handlung seine Schwingen aus und Hunter hat ihre Leser:innen fest im Griff. Der Roman ist eine fantastisch konstruierte Gesellschaftsfabel.

Warum sollte mich das interessieren?
Mitten in diesem starken Stück Literatur breitet sich eine urfeministische Frage aus wie ein blinder, mindestens wie ein vernachlässigter Fleck, der das eigene Selbstverständnis als Frau kitzelt. Deutsche Rezensenten loben daran vorbei, ihnen gefällt die Milieukritik des Romans, dem Tagesspiegel „der gnadenlose Blick auf die frauenfeindlichen Lebensumstände in den Beziehungen der gehobenen Mittelschicht“. Andere, bei denen ich mir gern Inspiration für Literatur hole, schreiben auf Instagram, Hunter liefere einen Abriss der Frau in der heutigen Gesellschaft.

Da setzt mein Unbehagen ein. Sie schreiben von der Wut, der Ungerechtigkeit, die sie nachvollziehen können. Da setzt sich mein Unbehagen fort. Denn diese Ungerechtigkeit ist –  zumindest in großen Teilen – selbst verschuldet. Sicher, oft ist es kompliziert, wenn z. B. die Arbeits- und Leistungsatmosphäre in einem Universitätsverlag das Freelancer-Dasein und Schreiben von Bedienungsanleitungen für die Protagonistin Lucy attraktiver machen. Aber die Nachbarschaft mit den fürs eigene Budget zu hohen Grundstückpreisen und die Verachtung der Protagonistin für den absurden Leistungsdruck auf einem Kindergeburtstag werfen für mich erste Fragen auf. Wo will sie denn hin damit? Auch irritiert mich Lucys alleinige Verantwortung für den Haushalt und alle Familienmitglieder – im Jahr 2021. Zwar halte ich dieses Familien- und Partnerschaftsmodell für besonders hartnäckig in Kreisen mit guten Aktiendepots, aber dort trifft es auf sehr gut ausgebildete Frauen mit anderen Identifizierungsmöglichkeiten als noch vor 30 Jahren. Denn ganze Seiten aus Hunters Roman erinnern mich eindringlich an die Kurzgeschichte „Weekend“ der berühmten britischen Autorin und Feministin Fay Weldon. Darin räumt die berufstätige Mutter Martha durch ein Landwochenende hindurch hinter ihrer Familie her, während ihr Mann im Garten steht und mit seinem Freund und dessen junger, neuer „Partnerin“ trinkt. Als sie abends bemerkt, dass bei ihrer Tochter die Periode eingesetzt hat, bricht die Protagonistin in Tränen aus. Eine herausragende Erzählung, aber sie erschien 1981, drei Jahre vor Megan Hunters Geburt. Als Megan Hunter 28 Jahre alt war, habe ich Bascha Mikas „Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität. – Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug“ gelesen. Mit 36 Jahren schreibt Hunter „Die Harpyie„. Warum all diese Zahlen? Weil sie wichtig sind.

Megan Hunter ist verheiratet und hat drei Kinder. Ich bin weder das eine noch habe ich das andere, kann also Ehe und Muttersein nicht beurteilen, wohl aber die Entscheidung davor. Denn ich musste die gleiche Entscheidung treffen, die Frauen meiner Generation, umso mehr die aus Hunters Generation Gott sei Dank treffen können, weil sie sich fragen können: Will ich das traditionelle Familienmodell und die Rolle der Frau darin leben oder nicht? Es gibt darauf drei Antworten: Die eine heißt, das ganze Modell zu vermeiden, wie ich es gemacht habe. Die zweite heißt, es direkt oder indirekt zu bejahen, wie Hunters Protagonistin Lucy. Die dritte Antwort ist anstrengend. Für Frauen mit Familien- und Kinderwunsch ist sie aber der einzige Ausweg. Sie verneint das traditionelle Familienmodell und baut es um. (Und wie, zu was???) Wie viel Kraft und auch Vorstellungskraft das braucht, das sehe ich bei meiner Schwester und vielen anderen Frauen. Die Verhandlungen, Diskussionen, Zugeständnisse, Rückschläge, aber auch die Vereinbarungen für die Zukunft, dafür hätte mir der Atem gefehlt, unabhängig davon, dass ich mich zu keinem Familienmodell hingezogen gefühlt habe. Umso mehr kann ich die Wut darüber verstehen, wie anstrengend es ist, etwas zu verändern, bevor die Gesellschaft und die Rahmenbedingungen sich verändert haben. Auch Kinderlosigkeit ist darin noch immer nicht vorgesehen. Die Wut über die Rolle der Frau im traditionellen Familienmodell gehobener Kreise ist allerdings ärgerlich im Jahr 2021.

Wenn gut ausgebildete Frauen in finanziell sehr gute Verhältnisse heiraten, ihre Pläne für die Mimikry im Milieu aufgeben und dann nie wieder aufnehmen, um sich viele Jahre später krachend aus diesem Un-Dasein zu befreien, dann können wir das beklatschen. Aber dann müssten wir auch die Frauen beklatschen, die erst gar keinen Mist gebaut haben. Denn dass sie Mist gebaut hat, ahnt Hunters Protagonistin selbst, und das ist für mich eine leise Schlüsselstelle des Romans.

Warum ist die Autorin interessant?
Megan Hunter hatte bereits mit ihrem Debüt „Vom Ende an“ jede Long- und Shortlist in England gestürmt, Preise gewonnen und die Rechte daran in zehn Länder verkauft. Ihre Romane geben inneren Zuständen die äußere Form, die sie verdienen, und arbeiten an der Grenze des Bewussten, ohne ins Mystische abzudriften.

Kostprobe:
„Vor Jahren, bevor ich meine Doktorarbeit aufgegeben hatte, war ich ganze Tage in einer anderen ähnlichen Stadt herumgefahren, von einer Wiese zur anderen, hatte daran gedacht, mich unter eine Kuh zu legen oder im Schlamm zu wälzen. Alles schien besser als zur Bibliothek zurückzufahren. Ich spürte, wie meine Motivation schwand, mir fiel auf, dass ich nicht fürchtete, sondern hoffte, schwanger zu werden und die Bücher beiseiteschieben zu können.“

Diese Stelle in Megan Hunters großartigem Roman piekst mittenrein in die Frage, die uns als Frauen auch beschäftigen sollte: Wie ausgeprägt ist unser Ausweichreflex? Wann weichen wir aus und warum? Welche Rolle spielen dabei unter anderem Erfahrungen in der Kindheit und Jugend, die eigene soziale Schicht? Ich halte diesen Ausweichreflex für sozialisiert. Das heißt auch: Der geht wieder raus.

„Die Harpyie“ von Megan Hunter, übersetzt von Ebba D. Drolshagen, C.H.Beck, 229 Seiten, 22 Euro

Rezension: Melanie Schehl

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