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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Bildmontage: Simone Glöckler

Worum geht es?

Lone hat einen Unfall und liegt im Koma. Bei ihrer Halbschwester Iulia führt das erst zu Verzweiflung, dann zu ganz neuen Gedanken. Denn Iulia, etwas steife Pastorengattin und Bankangestellte, kommt plötzlich auf die Idee, dass das Leben vielleicht doch nicht dazu gedacht ist, es immer allen anderen recht zu machen.

Sie betritt nicht nur die leere Wohnung ihrer Schwester, sondern auch deren pralles Leben als Hebamme. Lernt Schwangere und junge Mütter kennen, glückliche und trauernde Frauen, die alle so ganz anders sind als sie selbst.

Was kann das Buch?

Zunächst einmal: unterhalten. Mareike Krügels Sprache ist klar, gerade, norddeutsch eben. Das Thema ist groß, es geht um den Tod und das Leben, aber das wird auf diesen gut 300 Seiten mit einer solchen Freude verhandelt, dass man den Roman gar nicht aus der Hand legen mag. In Dialogen mit ihrem Teenager-Sohn und ihrem Mann, dem Pastor, wird es witzig und komisch. Tragische Begegnungen und Ereignisse in der Geschichte sind immer umgeben von humorvoller Wärme.

Neben der Geschichte um die Schwestern geht es auch um die große Herausforderung für Frauen unserer Generation, immer wieder den Mund aufzumachen, wenn uns etwas nicht passt. Egal, ob es dabei um die Behandlung während einer Geburt im Krankenhaus geht oder um die Ansprache durch den Chef.

Für mich ist dieser Roman bisher das Schönste und Unterhaltsamste, was ich in diesem Jahr gelesen habe. Deshalb wünsche ich Mareike Krügel wirklich sehr viele Leserinnen.

Und was hat es mit mir zu tun?

Alles oder gar nichts. Ich denke aber eher ersteres. Kommt Euch das hier bekannt vor?
Iulia zieht sich schick an, bevor sie ihren Mann sonntags in die Kirche begleitet, nicht zu tief ausgeschnitten und die Haare am Hinterkopf adrett frisiert, weil sie in der ersten Bank sitzen wird und alle aus der Gemeinde ihren Hinterkopf begutachten werden.
Iulia holt ihrem Vorgesetzten in der Bank Kaffee, wenn er mal wieder „cheffig“ drauf ist, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubt.
Iulia wäscht ihrem Vater die Wäsche und räumt sein Haus auf, weil sie einfach nicht anders kann.

Das alles macht sie nicht für sich, braucht aber einen totalen Perspektivwechsel, um aus den über lange Jahre eingeschliffenen Tagesabläufen herauszufinden und zu erkennen, dass da einiges in ihrem Leben nicht so richtig rund läuft. Erst als sie in das Leben ihrer Schwester eintaucht, die schwangeren Frauen besucht, die Lone so lieben und ihr so viel verdanken, beginnt Iulia nachzudenken und Entscheidungen zu treffen.

Warum ist die Autorin interessant?

Auf jeden Fall schon einmal, weil sie aus Kiel kommt, heute in der Nähe von Schleswig lebt und beim Schreiben wunderbare norddeutsche Worte wie „Herr Paster“ und „zupasskommen“ verwendet. Mareike Krügel studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin (2003 Förderpreis der Stadt Hamburg, 2006 Friedrich-Hebbel-Preis). Neben mehreren Romanen hat sie auch das Kinderbuch „Zelten mit Meerschwein“ geschrieben.

Kostprobe:

An Sonntagen beneidete sie ihren Mann. Seine Arbeitskleidung war festgelegt und ließ keinen Zweifel an seiner Rolle. Sie hin gegen musste selbst entscheiden, welche Bluse, welche Hose, welche Schuhe angemessen waren und die richtige Botschaft aussandten. Die Botschaft sollte lauten: Ich bin keine typische Pastorenfrau, also kommt nicht und fragt, wann der christliche Handarbeitskreis sich trifft, aber ich weiß trotzdem, was sich beim Kirchgang gehört. Für ihre Arbeit in der Bank gab es immerhin einen Dresscode, an den sie sich halten konnte und der sogar einer der Gründe gewesen war, weshalb sie sich damals für diese Ausbildung entschieden hatte. Jede Art von  Ordnung war ihr verlockend erschienen. In ihrem Schrank hatte sie Kleidung für Beerdigungen, Theaterbesuche, Feiertage, sie hatte etwas fürs Kranksein, für  Wanderungen, die Gartenarbeit.

»Schwester« von Mareike Krügel, Piper Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Rezension: Anja Goerz

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