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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Bildmontage: Brigitta Jahn
Dorothy Whipple: »Der französische Gast«

Worum geht es?
Erzählt wird die Geschichte einer glücklichen Familie in England, Ende der 1940er-Jahre. Ellen hat zwei Kinder, die auf der Schwelle zwischen Kind und Teen stehende Anne und ihren Sohn Hugh, der bei der Armee ist. Ihr Mann Avery ist ein erfolgreicher Londoner Verleger, die Familie lebt etwas außerhalb auf dem Land – und Ellen ist glücklich. Eine Frau Anfang 40, uneitel und krisenfrei, die erfüllt ist von der eigenen Zufriedenheit und dem Glück, Glück gehabt zu haben.
Ellen ist wie betoniert in ihrer empfundenen Sicherheit, dass sie arglos und im schlechtesten Sinne naiv bleibt, als mit Louise, eine junge, egozentrische, berechnende, kalt arrogante Französin, ein Gast in die Familie kommt. Sie verführt Avery, die Familie zerbricht.

Was kann es?
Bilder wie ein Film erzeugen. Immer an der Oberfläche von britischem Blumen- und Landschaftskitsch entlangschrammend, wird hier eine Geschichte erzählt, die wie ein schöner alter Film das Hirn durchläuft.
Es erzählt die wohl überall auf der Welt und zu allen Zeiten aktuelle Geschichte vom unangekündigten Fall aus Glück und Sicherheit und der Notwendigkeit – auch der Kinder wegen –, Pragmatismus und Eigenständigkeit zu entwickeln.
„Der französische Gast“ vermittelt ein wenig von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, von ihren Gepflogenheiten und Sitten und ist doch im Kern zeitlos.

Warum sollte mich das interessieren?
Weil die Verlage in ihrer Erkenntnis, dass viele Autorinnen zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, sich die Mühe machen, ihre Werke wieder zu veröffentlichen und so auch mit Dorothy Whipple eine Autorin zu entdecken ist. Dorothy Whipple wurde 1893 in Lancashire geboren, sie starb 1966. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten und Kinderbücher und war zwischen den Weltkriegen eine vielgelesene Autorin, zwei ihrer Romane wurden verfilmt. In den 1950er-Jahren verlor sie an Bedeutung, seit einigen Jahren erscheinen ihre Bücher in Großbritannien neu. „Der französische Gast“ ist das erste Buch von ihr, das in Deutschland verlegt wird.

Was hat das mit mir zu tun?
Nicht viel. Selbst, wenn man dieselbe Geschichte des Verlassenwerdens erlebt hat, bleibt es eine Erzählung wie im Film. Zwar ist die Erzählerin nah an ihren Protagonisten, doch bleibt ihr Blick meist einer auf die Personen, nur selten wird er zu dem der Protagonisten. So bleibt ihr Unglück ein beschriebenes, anstatt zu einem empfundenen zu werden.
Aber auch aus dieser Erzählhaltung heraus gelingt es Dorothy Whipple, die Sympathien so zu steuern, dass man in Happy End gewohnter Naivität ständig auf Wendung hofft, man Mitleid mit dem Volltrottel von Mann empfindet  und Louise größtmögliches Scheitern und eine Flecken bringende Krankheit wünscht.

Kostprobe 
„Es wurde dunkel. Regen schabte an den Fenstern. Sie fügte dem Tee, den sie später als sonst zu sich nahm, ein gekochtes Ei hinzu, machte aus zwei Mahlzeiten eine. Sie war in das große Heer alleinlebender Frauen eingetreten, der Frauen ohne Männer, die gekochte Eier zum Abend aßen.
Sie lebte nun in dem Haus ohne die Erwartung, dass noch jemand kam. Wochen dieser tödlichen abendlichen Stille lagen vor ihr. Als die Katze plötzlich miauend ihr Abendbrot verlangte, fuhr sie zusammen.“

„Der französische Gast“ von Dorothy Whipple, aus dem britischen Englisch von Silvia Morawetz, Kein & Aber, 448 Seiten, 24€

Rezension: Silke Burmester

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