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I am what I am because of… this book!

Silke Tobeler: »Das große Heft« von Agota Kristof

Sprache und Klang als Vergewisserung, dass Sinnhaftigkeit existiert
Montage: Brigitta Jahn


… ist mein EINES ENTSCHEIDENDES BUCH. Weil ich mindestens einmal in der Woche an dieses Buch denke.
Seit vier Jahren.
Meine Freundin schenkte es mir 2016 zum Geburtstag. Ich war sehr zögerlich. Laut Klappentext handelt “Das große Heft vonKrieg, Flucht und misshandelten Kindern. Drei Themen die mir echt den Tag vermiesen. Problemfelder, die ich hinter mir lassen wollte. Als junge Frau fühlte ich mich zwingend dazu aufgefordert, die Welt zu retten. Ich war davon überzeugt, dass jeder dazu berufen war. Alles drehte sich für mich um Drama und Trauma.
Umso dankbar war und bin ich, dass ich, als ich meine Kinder bekam, keine Lust mehr auf dieses Elend hatte.
Und dann las ich dieses Wunderwerk von Agota Kristof.
Ihre Sprache ist unvergleichlich.
Holzschnittartig formuliert Agota Kristof ihre Sätze: „Wir kommen aus der Großen Stadt. Wir sind die ganze Nacht gereist. Unsere Mutter hat rote Augen. (…) Wir gehen lange.“ Schon bildete sich ein Kloß in meinem Hals und ich wurde in die Geschichte eingesogen. Alle drei Seiten brach mir das Herz, aber ich musste weiterlesen.

Das Buch ist die Antwort auf die Suche nach dem Universellen

Was hat eine solche Erzählung mit einer Lebensveränderung zu tun?
Vordergründig nichts.
Ich habe durch das Lesen dieses Buches kein Praktikum bei Terres des Hommes gemacht. Diesen Weg bin ich schon vor zehn Jahren auf andere Weise als Sozialarbeiterin gegangen. Und wie ich anfangs beschrieben habe, gab es für mich gute Gründe, einen neuen Lebensentwurf zu wagen.
Dennoch bin ich ein Mensch, der sich immer wieder existenzielle Fragen stellt.
Und „Das große Heft“ist eine Antwort auf meine Suche. Die Suche nach dem Universellen.
Die Auflösung des Spannungsfeldes: Liebe und Tod. Denn in dem Buch wird zwar Gewalt, Krieg und Böses beschrieben. Aber darunter schwingt Liebe. Zartheit. Schönheit.

Ich muss mein Bedürfnis, die Welt verändern zu wollen, nicht aufgeben

Wenn jemand es schafft, mir diese Antwort mit dem Klang der Sprache zu geben, dann weiß ich, dass es irgendwo eine Sinnhaftigkeit unserer Existenz gibt.
Dann muss ich nicht mein Bedürfnis, die Welt verändern zu wollen, aufgeben.
Dann bin ich mir sicher, dass Sprache und Ästhetik ein Weg von vielen sind um zu berühren und zu bewegen.
Mit Agota Kristofs „Das große Heft“ ist ein kleiner Augenblick dieses unglaublichen Zustandes für mich erlebbar geworden.
Einen solchen Moment bezeichne ich als eine Lebensveränderung.

Silke Tobeler geboren 1973, hat die Beschäftigung mit Kunst und Literatur ins Zentrum ihrer Tätigkeit gesetzt. Sie verfasst u.a. Kurzgeschichten, kuratiert für ihren Blog female gaze allerlei Preziosen aus dem Kultur-Kosmos und betreibt eine Kunstscheune auf dem Land.

Bildmontage: Brigitta Jahn


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