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I am what I am because of…this book

Silke Burmester über »Rubinroter Dschungel« von Rita Mae Brown

1973 in den USA erschienen und vielleicht der ersten Romane, in denen die Protagonistin offen lesbisch ist.
Genau das Richtige für die 14-jährige Silke
Bildmontage: Brigitta Jahn


Das Buch, das mich zu der machte, die ich heute bin, las ich mit 14 Jahren. Rita Mae Browns „Rubinroter Dschungel“. Ein Titel, den ich über Jahrzehnte nicht verstanden habe, aber eine Geschichte, die mein Wesen aufzugreifen schien. Und die so gut in diese Zeit des Aufbruchs passte, in der man das Bekannte hinter sich lässt und in das Neuland aufbricht, auf dessen ruppiges, unebenes und unbekanntes Terrain der Weg ins Erwachsensein führt.
Es ist die Geschichte von Molly, einem wilden, unangepassten Mädchen, das keinen Unterschied zwischen sich und den Jungs macht, das rotzfrech und völlig angstfrei unterwegs ist. Mollys Kindheit wird zum Brüllen komisch beschrieben, und ihr Weg ins Erwachsenwerden ist begleitet und gekennzeichnet von ihrem dauerhaften Zusammenprall mit den Vorstellungen der Gesellschaft. Molly fühlt sich nicht verpflichtet, irgendwelche Bestimmungen als gegeben oder verbindlich zu verstehen, sondern sieht sie als Verhandlungsmasse ­– oder als eine Hürde, die darauf hindeutet, dass es dahinter interessant wird.
Ich kann mich kaum mehr an die Geschehnisse erinnern, außer daran, dass Molly einem verhassten Jungen aus der Nachbarschaft Kaninchenköttel als Rosinen unterjubelt und daran, dass sie lesbisch ist. Was in der Erzählung während ihrer Zeit an der Uni thematisiert wird.

Lesbisch zu sein, bedeutet in den 80ern, sich dem Patriarachat zu verweigern

Es war das erste Buch, das ich las, in dem eine Frau lesbisch war. Ich fand das interessant. Es war vor allem aber ungemein feministisch, denn lesbisch zu sein bedeutete in den frühen Achtzigerjahren, sich dem Patriarchat und seinen Regeln zu verweigern. Sich nicht ein- und nicht unterzuordnen. Ich las dann noch das eine oder andere Buch mit lesbischen Protagonistinnen, und als ich 15 Jahre alt war, trieb mich das, was es bedeuten würde, mit Frauen statt mit Männern zusammen zu sein, sehr um. Ich fand lesbisch sein toll. Es bedeutete, dazu zu gehören. Einer Gruppe anzugehören, die sich verweigerte. Das fand ich mehr als reizvoll. Ich empfand es als Bestimmung.
Wenn ich dann auch nicht richtig lesbisch wurde, so bedeutete der Kontakt, die Freundschaft mit Frauen aber oft genug eine Nähe und Tiefe in der Beziehung, die ich mit Männern nicht erreiche. Weil ich mit Männern, so der Punkt großer Nähe und Anziehung entstanden war, ins Bett ging. Man geht ins Bett und bumst. Danach ist es aus oder es wird weitergebumst. Mit Frauen aber entsteht eine Freundschaft und Verbundenheit, die tiefer geht, als das was mit Männern zu erreichen ist. Oder ich mit ihnen erreicht habe.

Die Kraft der großen Klappe

Mollys Homosexualität aber war nicht das Entscheidende. Das war ein interessantes Extra. Entscheidend für mich, die 14-Jährige, war die Freiheit, aus der das Mädchen Molly agierte. Ihr Drang, ihr Wille, ihre Entschlossenheit, sich nicht aufhalten zu lassen. Ihre Waffe war ihre Klappe und ihr Witz.
Meine Klappe hatte mir zu diesem Zeitpunkt schon viel Ärger eingebracht. „Rubinroter Dschungel“ war das Beispiel dafür, dass es sich lohnt, ein schräges, für die anderen schwer zu bändigendes Mädchen zu sein. Man muss sich nur selbst gut finden. 


Silke Burmester ist Gründerin von Palais F*luxx. Zuvor war sie gut 20 Jahre als schreibende Journalistin tätig.


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