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I am what I am because of… this book!

Melanie Schehl: »Ausweitung der Kampfzone« von Michel Houellebecq

Michel Houellebecq ließ es rappeln im Literaturbetrieb. Und in der Gesellschaft. So verstörend seine Werke sind, so häufig zeigt er große Weitsicht

Es gäbe so schöne Bücher, die einen geprägt haben könnten. Madame Bovary, Ulysses, Schuld und Sühne oder etwas von Nabokov. Ein melancholischer Klassiker, der elegant etwas freilegt, Leser über Generationen erhellt, ermächtigt oder wenigstens tröstet. Das Buch, das mich bis heute begleitet, ist hässlich, gemein, gefühlskalt, zu jung für einen Klassiker und hoffnungsfrei, wenn man es ernst nimmt. Selbst sein Autor ist vom international anerkannten Provokateur zum leicht Verirrten abgestiegen. Als die Ausweitung der Kampfzone von Michel Houellebecq 1999 auf deutsch erschien stand ich kurz vor meinem Examen. Nach fünf Jahren in der Großstadt, in meiner ersten eigenen Wohnung, hatte ich Freunde, Affären und ein bisschen was erlebt – ganz anders als der Erzähler. Er stiftet seinen ebenso unattraktiven Kollegen nach dem Disco-Besuch zum Mord an einer jungen Frau an, mit der beide keinen Sex haben können. Zu dem Mord kommt es nicht, sein Kollege stirbt später bei einem Autounfall, dem Erzähler wird eine Depression attestiert, er fährt zu seinen Eltern aufs Land und radelt in den Wald. Davor hat er auf vielen Seiten Frauen gehasst, seiner Ex-Freundin „besser beide Arme gebrochen“ und sich Fragen gestellt wie diese: „Einen Schwanz kann man noch abschneiden, aber wie die Leere einer Vagina vergessen?“

Umzingelt von der Zielstrebigkeit der Anderen fühlte ich orientierungslosen Trotz

Ich war 1999 Ende sechsundzwanzig, fühlte mich hochemanzipiert und wähnte mich am Ende des Studiums am Anfang von etwas Neuem. Deutschland war wiedervereint, das Wachstum wuchs, Populisten und Ehemalige wüteten noch in den Hinterzimmern von Gaststätten und Telefone konnten keine Fotos machen. Aber ich fühlte mit dem Erzähler, dem Frauen-, Welt- und Selbstverachter, einem Antriebslosen, einem Nichtsveränderer. Sein Leckt-mich-am-Arsch-Abgesang auf die Währung aus Status, Sex und Geld erleichterte mich, beschämte mich, machte mich traurig, wütend und verzweifelt. Schon damals verspürte ich, umzingelt von der Aufbruchsstimmung und Zielstrebigkeit der Anderen, einen orientierungslosen Trotz. Heute würde man selbst bei Abendessen an Tischen, die aus einem einzigen Stück Holz oder Stein gefertigt sind, verständnisvoll nicken. Man würde sagen, dass die Ego-Kultur der Untergang ist, der Kapitalismus gezähmt gehört und der Vergleich über soziale Netzwerke uns alle verrückt macht. Man würde auch sagen wie schön es ist, wie weit wir gekommen sind. Dass man lieben kann, wen man will und offen über Depressionen spricht.

Abweichungen brauchen Ausreden. Prokrastination. Enthaltsamkeit.

Bis jemand eine Depression nicht überwindet. Bis jemand rumhurt. Bis jemand billiges Fleisch isst. Oder Blattgoldsteaks. Bis jemand raucht und gegen zu hohe Dieselpreise demonstriert. Bis jemand gar nichts postet. Bis jemand keine Jobs mehr bekommt oder keine Kinder. Denn das muss nicht sein. Das richtige Fleisch ist eine Entscheidung, der richtige Sex ebenso, Sichtbarkeit ist wichtig, Rauchen belastet die Versicherungstarife und Kinderlose das Rentensystem, und wer gut ist, bekommt immer einen Job. Was uns ungehalten macht ist das Unentschiedene, Ungezügelte, das Unwillige und Unproduktive. Wer davon abweicht braucht eine Ausrede: bodypositiv (dick sein), prokrastinierend (faul sein), enthaltsam (keinen abkriegen), glücklich ohne Kinder (keine haben). Therapie und Meditation, künstliche Befruchtung und Persönlichkeitstrainings sind unsere Moderne. Wir denken nicht in Kategorien, aber wir glauben, dass der Osten rechts ist, manche einfach selbst schuld und Frankreichs Gelbwesten ein Proletariat sind, zu dem wir selbst nicht gehören, weil wir am Computer arbeiten und Salat essen. Wir sind die Kampfzone. Wir hören diese sanfte Stimme: ‚Denk positiv, verändere Dich, verbessere Dich und alles wird besser.‘ Wir verlaufen uns lieber in der Selbstfindung als die große Erzählung unserer Zeit zu verlassen, die uns allen im Nacken sitzt wie eine Zecke.

Nicht gegen die Schwerkraft anstrampeln, sondern mit ihr gehen

Mit 47 können wir vielleicht anfangen damit aufzuhören. Wenn man beim Anblick von Frauenzeitschriften denkt „Schon wieder Frühling“. Wenn Augen und Bindegewebe schwächeln, die Müdigkeit kommt und es beruflich scharfkantiger wird, ist klar: Die fetten Jahre sind vorbei. Der Marktwert schwindet und auch Kinder werden flügge. Ich dachte, ich sei gut vorbereitet auf das Ende dieser Jahre, weil ich nie hatte, was man so hat: Kinder, Karriere, Ehe, Haus. Dann stand ich umso ratloser da. Meine Unruhe sah sich um und dachte: Mehr Yoga machen, ein Buch schreiben, Hyaluron spritzen. Ich dachte: Vergiss es. Was, wenn ich nicht gegen die innere und äußere Schwerkraft anstrample? Sondern mit ihr gehe und gucke wo sie hinführt? Klar ist: Hätte ich dieses hässliche Buch nicht gelesen, dann würde ich nicht auf so dumme Gedanken kommen.

Melanie Schehl, 47 war u.a. in der Kommunikationsabteilung des Stern tätig. Heute berät sie Gründer*innen in Fragen der Strategie und Kommunikation

Bildmontage: Brigitta Jahn


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