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Palais F*luxx

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„Gleißen“ – lesen oder lassen?

Anuschka Roshani hat ein faktenreiches Buch über ihre Erfahrungen mit LSD geschrieben. Eva Häberle hat es gelesen und ist nun, was soll man sagen, angefixt…

Trip sei Dank hat das Leben von Anuschka Roshani jetzt eine neue Zeitrechnung: vor LSD und danach



Worum geht es?
Anuschka Roshani hat zum ersten Mal LSD genommen, da war sie über 50. Da sie eine renommierte Journalistin und außerdem Verhaltensbiologin ist, hat sie die Substanz nicht bei irgendeinem windigen Dealer gekauft, sondern vor ihrem Selbstversuch ausgiebig recherchiert und an einer klinischen Studie in Basel teilgenommen. So geht der Text über einen subjektiven Erfahrungsbericht weit hinaus. Roshani hat viele Gespräche mit Mediziner*innen und Wissenschaftler*innen geführt und unterfüttert ihre eigene Erfahrung mit teilweise überraschendem historischem Wissen und medizinischen Fakten. Die aktuelle Forschung zu LSD bezieht sich auf die Substanz als Heilmittel für psychische Erkrankungen, nicht auf die Wirkung als bewusstseinserweiternde Droge. Dennoch spielt dieser Aspekt bei Roshanis Selbstversuch eine große Rolle. 

Was kann es?
Das Buch erweitert auf sehr nüchterne Art den Blick auf halluzinogene Drogen. Es erklärt, wie es zur Verteufelung von LSD gekommen ist und was das mit Richard Nixon zu tun hat. Halluzinogene Drogen werden seit einiger Zeit wissenschaftlich einer Neubewertung unterzogen und es gibt augenblicklich eine Reihe von medialen Berichten zum Thema, so z. B. auch die Serie „Verändere Dein Bewusstsein“ auf Netflix, die ich mir, neugierig geworden durch die Lektüre von „Gleißen“, angeschaut habe.

Was hat das mit mir zu tun?
Anuschka Roshani sagt, ihr Leben teile sich in ein „Vor“ und ein „Nach“ dem LSD-Experiment. Die Substanz hat ihr zu einer neuen Lebensqualität verholfen. Oder wie der Verlag es sagt: „Seitdem ist nichts mehr, wie es war: eine Menge euphorische Gelassenheit.“

Ich finde das Thema enorm spannend, weil ich das Gefühl der Autorin, in der Lebensmitte eine gewisse Form der Lebendigkeit zurückgewinnen zu wollen, sehr gut nachvollziehen kann. Die Autorin beschreibt sich als Person, die vieles erlebt hat, die ein erfülltes und interessantes Leben führt, und die dennoch eine gewisse Müdigkeit empfindet, weil ihr Leben durch Routine an Spannkraft verloren hat. Und an dieser Stelle hat ihr LSD eine neue Form von Lebendigkeit gegeben. Ich möchte jetzt auch LSD probieren.
Für alle, die sich jetzt um Roshani oder mich Sorgen machen: Süchtig ist sie nicht geworden.

Warum sollte mich das interessieren?
Siehe oben. Außerdem ist das Buch sehr schön und passend gestaltet.

Die Autorin
Die Journalistin Anuschka Roshani ist gerade 57 Jahre alt geworden. Sie gehört zu den Schreiber*innen, die im Dunstkreis der Zeitschrift „Tempo“ Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre einen neuen journalistischen Stil ins Land brachten: das Ich beim Schreiben nicht scheuend, subjektiv, mitunter radikal. Roshani war viele Jahre beim „Spiegel“, zog dann in die Schweiz und arbeitet dort beim „Magazin“. Sie hat beim Verlag „Kein & Aber“ das Gesamtwerk Truman Capotes herausgegeben und 2018 den charmanten Roman „Komplizen“ veröffentlicht, in dem sie in Anbetracht der eigenen gebrechlich werdenden Eltern der Frage nachgeht, wer man wurde, wer man ist. 

Kostprobe
„Mit jedem Jahr, das ich älter wurde, war aus dem ursprünglichen, kindlichen Erleben mehr und mehr ein bloßes Wegleben meiner Tage geworden, und ein nervtötendes Planer-Temperament übernahm an dieser Stelle. Anstatt mich dem Geschehen hinzugeben, wertvollere Augenblicke auszukosten und Unangenehmes schlicht und einfach, ohne allzu viel Grübeln und Hadern, durchzustehen, kommentierte eine penetrante Stimme in meinem Schädel permanent die nichtigsten Ereignisse, noch während sie stattfanden.
Nun, mit einem Schlag, war‘s damit aus und vorbei. Auf dem Zenit meines Trips hatte ich gemeint, die Schönheit der Existenz in all ihrem Gleißen wahrzunehmen; alles flammte auf.“

Anuschka Roshani liest am 9. Februar in Dresden und am 22. März in Luzern.

Anuschka Roshani: „Gleißen“, Verlag Kein & Aber, 176 Seiten, 22 Euro
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