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Gestatten, Corona. Virus.

Aufkleber Kopf Hoch an einer Fußgängerampel

Kathrin Gasserts Selsbstbetrachtung und die Erkenntnis, eine unverbesserliche Optimistin zu sein

Corona, COVID-19, SARS-COV-2… wie auch immer… am liebsten würde ich es wie der sprichwörtliche Vogel Strauß machen: den Kopf in den Sand stecken und warten, dass diese Pandemie möglichst schnell vorüberzieht. Dass der Strauß sich bei Gefahr tatsächlich so verhält, ist ein Märchen, er würde Sand in die Augen und die Ohren bekommen. Tatsächlich legt er seinen Hals und Kopf flach auf den Boden. Doch so lange wie uns das Virus-Thema schon begleitet, wäre der arme Strauß schon zigmal verhungert. Es hilft also nichts, der Kopf bleibt oben und meine Stimme der Vernunft sagt: „Augen zu und durch“, aber meine linke Gehirnhälfte gibt sich nicht so leicht damit zufrieden und steuert eine Palette von Emotionen bei. 

Eben noch Gemeinschaft, dann nur noch gemein

Zu Beginn des Frühjahrs fühlte ich mich als Teil einer Gemeinschaft, die gemeinsam an einem Strang zieht. Habe die Zugfahrt zu meiner Mutter und ihrem Mann storniert und rufe stattdessen lieber jeden Tag an. Habe die Arbeit, soweit möglich, ins Homeoffice verlegt. Habe die Nähmaschine entstaubt und jeden Abend einen Mund-Nasenschutz genäht. Habe seit Jahrzehnten mal wieder Tagesschau geguckt. Die Euphorie wich bereits im Frühsommer einer gewissen Müdigkeit. Die Übersicht über Schul-E-Mails mit Aufgaben für zwei Teenager zu behalten, das Ausdrucken der Aufgaben, Scannen und Weiterleiten der Antworten neben Büro- und Hausarbeit forderten ihren Tribut. Wie schaffen das bloß andere, mit jüngeren Kindern, in kleinen Wohnungen?!? Die haben wahrscheinlich auch nur ein gequältes Lächeln übrig, wenn ihnen wohlmeinende Mitmenschen berichten, wie gut ihnen diese entschleunigte Zeit gefällt. Endlich mal wieder Zeit für ausgiebige Spaziergänge und Lektüre!

Betrunkene Nerds oder wer hat die Alu-Hut-Geschichten geschrieben?

In den Nachrichtensendungen diskutierten die Mächtigen dieser Welt mit Mund-Nasenschutz. Ein surreales Bild und hoffentlich keine „neue Wirklichkeit“, an die ich mich laut Meinung einiger gewöhnen müsse. Während die einen aus lauter Furcht ihre Wohnungen nicht mehr verließen, fingen andere an zu vermuten, die ganze Pandemie wäre eine Inszenierung, um die Welt neu zu ordnen. Also dass die Reichen und Mächtigen alle unter einer Decke stecken, kann ich mir schon allein aus organisatorischen Gründen nicht so richtig vorstellen. Und dass es in diesem Clan dann nicht einen Whistleblower gäbe, den das schlechte Gewissen packte und der deshalb sein Insiderwissen auspackte, auch nicht. Noch viel weniger kann ich mir vorstellen, dass tatsächlich jemand glauben könnte, Hillary Clinton wäre ein außerirdischer Reptiloid in menschlicher Gestalt. Da stelle ich mir eher zwei Computer-Nerds vor, die mit Harry-Potter-Geschichten groß geworden sind und sich abends nach ein paar Bierchen so eine wilde Geschichte ausdenken, sie ins Netz stellen und sich schlapp lachen über die grenzenlose Dummheit anderer. Allerdings bin ich auch nicht so naiv zu glauben, dass alle großen Konzerne unser Wohl über ihren Profit stellen. Und überhaupt, wem soll man glauben, wenn an einem Tag ein Virologe erzählt, es wäre eindeutig zu erkennen, dass das Virus ein Laborprodukt ist, und am nächsten Tag ein anderer Experte verkündet, das Virus sei natürlichen Ursprungs? Für mich klang die Erklärung von Sir David Attenborough plausibel – die vereinfacht lautet: 

Wenn wir in Urwälder vordringen, dann stoßen wir nicht nur auf unbekannte Flora und Fauna, sondern auch auf Bakterien und Viren, die dann über Nutzvieh, das auf den gerodeten Flächen grast, auf uns übertragen werden.

Egal auf welchem Wege, im Herbst machte ich persönlich Bekanntschaft mit dem Virus. Ich wachte mit Schüttelfrost und Fieber auf, dachte, ich hätte vielleicht eine entzündete Zahnwurzel und ließ mich nur sicherheitshalber auf Corona testen, damit ich weiterhin meinen Vater im Pflegeheim besuchen hätte dürfen. Das Ergebnis: positiv, war also eine ziemliche Überraschung. Das Erste, was die Dame vom Gesundheitsamt mir mitteilte, war: „Das mit dem Datenschutz können Sie jetzt erst einmal vergessen!“ Der tägliche Anruf nach meinem Befinden und der Bestandsaufnahme von Symptomen kam dann glücklicherweise von einem verbindlicheren Mitarbeiter, der mir erzählte, wenn ich mich langweilte, gäbe es gute Serien auf Netflix.

Ich führe es vor allem auf die Tipps und Hausmittel wohlmeinender Freunde aus Indien zurück, dass ich einen milden Krankheitsverlauf hatte, der hoffentlich ohne Spätfolgen bleibt. Mein Vorschlag an das Gesundheitsamt, doch in den Umschlag mit der Anordnung zur häuslichen Isolation auch solche Empfehlungen beizufügen, stieß auf Unverständnis.

An guten wie an schlechten Tagen – es bleibt ein Virus

Manchmal stelle ich mir vor: Wie wird im Geschichtsunterricht der Zukunft das Thema der großen Corona-Pandemie behandelt werden? Ist es mit einer Vollbremsung im Bus zu vergleichen? Manche kommen mit einem Schrecken davon und andere werden schwer verletzt oder verlieren ihr Leben? 

An einem schlechten Tag habe ich so die leise Befürchtung, es lässt sich ganz platt ausdrücken: Die Reichen bleiben reich und die Armen werden noch ärmer. Nach einer UN-Studie sind es insbesondere Frauen und Kinder, die unter den Folgen der Pandemie am stärksten leiden. Sei es durch den Verlust von schlecht bezahlten Jobs im informellen Sektor, Mehrarbeit zuhause durch Betreuung von Familienangehörigen, häusliche Gewalt, Wegfall von Schulunterricht. Vieles von dem, was 1995 von der Pekinger Aktionsplattform – dem bis heute umfassendsten Konzept zur weltweiten Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung von Frauen und Mädchen – umgesetzt und erreicht wurde, ist wieder um Jahrzehnte zurückgeworfen.

An einem guten Tag wünsche ich mir, das Jahr 2020 markiere den Beginn eines neuen Zeitalters, in dem wir der Natur und einander mit mehr Wertschätzung begegnen…ich glaube, ich bin eine unverbesserliche Optimistin.

Kathrin Gassert lebt und arbeitet in Potsdam und hat das große Glück, beruflich häufig nach Indien reisen zu können

Foto: Simone Glöckler

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