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„Faltenfrei“: An oder Aus?

Adele Neuhauser brilliert als egozentrische Bestsellerautorin

Ein Leben in Cremetönen: Stella Martin (Adele Neuhauser)
Bild: BR/Bavaria Fiction GmbH/ORF

Österreichisches Fernsehen schafft es nur in den seltensten Fällen ans Auge des deutschen Fernsehzuschauers oder der Zuschauerin, und so war es die Kölner RTL-Produktion „Doctors Diary“, die 2008 eine Frau ans Licht zerrte, die hier kaum einer kannte: Adele Neuhauser.

Adele Neuhauser spielte die Mutter von Marc Meier, jenem charmanten, selbstgefälligen, schwer zu widerstehenden Großkotz im Ärztekittel, dem Gretchen Hase verfallen ist – was sie fleißig in ihr Tagebuch schreibt. Meier, überheblich, eingebildet und selbstherrlich wurde nur einer Person gegenüber klein, seiner Mutter. Eine erfolgreiche, egozentrische und exzentrische Autorin von Groschenromanen. Neuhauser braucht kaum mehr als die Physionomie ihres wunderbar charakterstarken, eigenwilligen Gesichtes und den charmanten Knall einer erfolgreichen, egozentrischen und exzentrischen Autorin von Groschenromanen, um ein Verlangen nach „mehr“ auszulösen. Ein „mehr“, das durch die Wiener Tatort-Folgen zwar einigermaßen befriedigt wird, aber am Bedürfnis nach Knall und was mit „zentrik“ vorbeigeht.

Umso schöner in „Faltenfrei“ einer ähnlichen Figur wie Elke Fisher begegnen zu können. Adele Neuhauser spielt Stella Martin eine Bestsellerautorin von Optimierungsbüchern für Frauen. Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie eine Kosmetikfirma, deren Produkte Rettung für Frauen verspricht, die Stella mit ihren Büchern in die Unzufriedenheit treibt.

Um es kurz zu machen: Stella ist eine egozentrische, erfolgsbesessene, zynische Frau, die ihre Familie als lästiges, energieraubendes, überflüssiges Anhängsel begreift und die ihr Heil in ihrem Erfolg gefunden hat. Sie ist eine Frau, die nicht merkt, dass ihr Mann sie verlässt und erst, als der Verlag sich von ihr distanziert und ihr Mann ihre Produktpalette einstampfen möchte, feststellt, dass sie ein Problem haben könnte.

Scharfe Zungen, dysfunktionale Familien

Das ist alles gut gemacht. Gute Ausstattung, gute Locations und ein bis in die kleinen Nebenrollen hervorragender Cast. Auch lebt das Stück von seinen mitunter scharfzügigen Dialogen und Feststellungen wie der des Schönheitschirurgen, als er beim Eintreffen einer Patientin sagt: „Hier kommt mein Lebenswerk.“ Und, als würde das an Zynismus nicht reichen, ergänzt: „Wenn Du wirklich wissen willst, wie alt sie ist, musst Du die Knochen durchschneiden und die Jahresringe zählen.“ Auch kann man seine Freude an der dysfunktionalen Familie haben. An der älteren, nach Perfektion lechzenden Tochter mit ihrem Putzfimmel und dem, zu ihrem Leidwesen, pummeligen Kind. An der jüngeren Tochter, die genussvoll die gestörte Familie seziert.

Benutzt zum Glück nicht ihre eigene Kosmetiklinie, die Faltenfreiheit verspricht: Erfolgsautorin Stella Martin
Bild: BR/Bavaria Fiction GmbH/ORF

Mit Hingabe arrogant und wütend

Am Ende aber gibt es nur einen einzigen Grund, diesen Film anzusehen: Adele Neuhauser. Wenn man Adele Neuhauser mag, wenn man ihr Spiel mag und ihre Stimme, wenn man die Kraft, die diese Schauspielerin auszeichnet, mag, ihre Selbstironie und ihren Mut ihr Gesicht – höchstwahrscheinlich „ungemacht“ – von der Kamera abscannen zu lassen, dann ist es eine Freude. Vor allem aber ist es eine Freude, wenn man Spaß an schwierigen, exzentrischen Frauenfiguren hat, denn Neuhauser spielt diese mit großer Hingabe. Mit Hingabe an große Gesten. Mit Hingabe an die Arroganz. An die – berechtigte – Überheblichkeit, aus der heraus Stella sehr scharf ihre kleinen, spitzen Pfeile abfeuert. Die Entschlossenheit, aus der heraus sie keinen Widerspruch duldet. Ihre Wut. Und trotz des Spaßes an der großen Geste, ist da stets die Möglichkeit, dem Inneren von Stella, ihren Verletzungen Ausdruck zu verleihen und uns eine Person zu zeigen, die weit vielschichtiger ist, als sie selbst es wahrhaben will.

Zum Ende des Films, wenn Stella geläutert ist, wird Neuhauser sehr warm. Ihr Körper verändert sich, ihre Körperspannung, ihr Gesicht bekommt eine andere Aura. Es erinnert an die warmen, zugänglichen Seiten, die auch in ihrer Tatort-Figur der Bibbi Fellner manchmal aufblitzen. Auch das ist schön. Man möchte dann in ihrer Nähe sein und von der Wärme kosten. Auch, weil sie immer mit der Kraft einer starken Persönlichkeit gepaart zu sein scheint, die suggeriert, einen beschützen zu können.

Kurz: Wer an Adele Neuhauser seine bzw. ihre Freude hat, sollte den Film unbedingt ansehen. Allen anderen ist das vielleicht zu doof, was unter „Und der Haken?!“ zu lesen ist.

Und der Haken?!

Ja, den gibt es. Die Story ist eine weitere, die an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte anlehnt. Während seinem geizigen Kotzbrocken Ebenezer Scrooge drei Geister erscheinen und ihm zeigen, wie das Leben ohne ihn aussehen würde, nämlich für viele Menschen deutlich besser, erfährt dieser seine Läuterung und wird fortan ein besserer Mensch.

In „Faltenfrei“ ist der Kniff ein anderer. Hier kommen keine Engel oder ähnliches zu Stella, nein Stella fällt vom Operationstisch und kann fortan Stimmen hören. Sie hört, was andere Menschen denken. Das ist mal gut und oft schlecht und führt dazu, dass Stella sieht, was sie nicht sehen wollte: wie es anderen Menschen geht. Und dann wird sie selbst gut. Offen. Freundlich. Angenehm.

Ein wenig mehr Hirn, bitte!

Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass Menschen sich zum Guten wandeln. Und doch ist der Moment, in dem sie Stimmen zu hören beginnt, der, in dem der Film kippt. Albern wird. Ein Märchen. Mich hat das geärgert. Ich möchte keine Filme sehen, die so tun, als bildeten sie eine Realität ab, und dann sprechen auf einmal Tiere. Oder man hört die Gedanken anderer Menschen. Das ist am Ende ein schlicht zu blöder Kunstgriff. Man möchte an das Hirnschmalz des renommierten Drehbuchautors Uli Brée appellieren, noch mal zu gucken, ob ihm nicht etwas anderes einfällt, das unsere Heldin in die Läuterung treiben könnte. Etwas Reales. Echtes. Ich bin 55 Jahre alt und möchte einer 62-jährigen Schauspielerin beim Spielen zugucken. Da will ich keinen Märchenplot. Wenn ich den will, schaue ich die Verfilmung von „Die drei Königskinder“, da spielt Neuhauser die böse Königin.

Empfehlung von Silke Burmester

Zu sehen in der ARD-Mediathek und am Mittwoch, den 17. November um 20.15 Uhr in dasErste.

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