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Tatort »Wie alle anderen auch«: An oder aus?

Vier Gründe warum der Tatort sehenswert ist. Und ein (kleiner) Haken

Dass Frauen Obdachlosigkeit anders trifft als Männer, zeigt dieser Tatort eindrucksvoll.
Links Rike Eckermann in der Rolle der Monika Keller, rechts Ricarda Seifried als Ella Jung
Foto:© WDR/Martin Valentin Menke



  • Die Handlung

Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, Ella, die seit Jahren von ihrem Mann geschlagen und misshandelt wird. Sie schlägt zurück, glaubt, ihn getötet zu haben, verlässt fluchtartig das Haus und landet auf der Straße.
Dort freundet sie sich mit Monika Keller, einer älteren Obdachlosen an, die sich um neu auf der Straße gelandete Frauen kümmert. Als Monika stirbt, überredet Ella einen Mann, den sie zufällig kennengelernt hat, sie für ein paar Tage bei sich aufzunehmen.

  • Die Umsetzung

Unaufgeregt und feinfühlig wird hier erzählt, wie sich Obdachlosigkeit von Frauen darstellt. Was es bedeutet, auf der Straße zu leben und wie sehr Frauen auch hier sexueller Ausbeutung, Übergriffen und Vergewaltigung ausgesetzt sind.
Es gelingt der Regisseurin Nina Wolfrum, Obdachlosigkeit jenseits von den Klischeebildern der Verwahrlosung zu zeigen und sichtbar zu machen, wie sehr viele Frauen, die auf der Straße leben, sich bemühen, ihre Selbstachtung zu wahren und aufrecht zu halten. Und auch – dies wird über eine Nebenfigur erzählt – wie stark und anstrengend das Bemühen ist, trotz Wohnungslosigkeit ein Alltags- und Berufsleben zu führen. Und wie hoch mitunter der Preis ist, den die Frauen dafür zu zahlen bereit sind.

  • Tut es weh?

Zur Erzählung gehört, zu sehen, wie der Mann, bei dem Ella unterkommt, eine „Gegenleistung“ erwartet, wie selbstverständlich er irgendwann davon ausgeht, über Ella verfügen zu können. Sein Bemühen, mit ihr Sex zu haben, wird nur in wenigen Bildern gezeigt – und ist doch schwer erträglich.

  • Und das sonstige Tatort-Umfeld?

Die Kölner Kommissare Ballauf/Schenk sind im Einsatz, die generell ein größeres Glück mit den Drehbüchern haben, als viele ihrer Kolleg*innen. Ihre Präsenz lässt Drehbuchautor Jürgen Werner hinter der Erzählung zurückweichen, was angenehm ist. Am Besten ist allerdings, dass die Figur des Max Ballauf nicht leiden muss und Klaus J. Behrend somit gar keine Notwendigkeit hat, seine leidendes Hunde-Gesicht aufzulegen, das wieder wegzubekommen, er zunehmend Schwierigkeiten hat. Also, alles ganz ok soweit.

  • Gibt es einen Haken?

Einen kleinen, ja. Zum Schluss wird das Thema der Umstände, die zur Wohnungslosigkeit führen, steigende Mieten, Versagen der Politik etwas sehr überreizt. Da kann nicht mehr gehustet werden, ohne dass die Wohnungsmarktpolitik bzw. die Wohnungsmarktsituation dafür verantwortlich ist. Diese Keule wäre nicht nötig gewesen. Die Bedeutung des Themas, seine immanente Ungerechtigkeit und der Mangel an Verantwortung und Gewissen hat sich bis dahin ausreichend dargestellt.

Tatort: „Wie alle anderen auch“ in der Mediathek

TV-Empfehlung von Silke Burmester

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