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»Das Damengambit«: An oder Aus?

Fünf Gründe warum die Netflix-Serie sehenswert ist

Worum geht es?

Elisabeth „Beth“ Harmon wächst in einem Waisenhaus im Kentucky Ende 1950er-Jahre auf und entdeckt als Achtjährige ihr Talent fürs Schachspiel und ihre Liebe zu Beruhigungstabletten. Die hochbegabte Spielerin entwickelt im Lauf ihrer Karriere den Ehrgeiz, den amtierenden russischen Großmeister vom Schach-Thron zu stoßen. 

Eine Szene aus der Netflix-Serie »Das Damengambit« mit Anya Taylor-Joy (re.). Foto: ©Netflix/Screenshot
  • Ausstattung

Jede Szene, jedes Szenen-Accessoire, jede Tapete ist eine Augenweide. Das Design der 1960er-Jahre sah nie so gut aus. Kein Wunder, dass den Tapeten bereits Blog-Einträge gewidmet wurden. Nie war das Bunte dieses Jahrzehnts so unaufdringlich bunt, nie war das Auffällige so dezent, um präsent im Hintergrund zu erscheinen. Und Kostümbildnerin Gabriele Binder gebührt ebenfalls ein ganz großes Lob – die Kleidung der Darsteller*innen ist schlicht und einfach eine Wucht.

  • Geschichte/Drehbuch

Ich habe nicht die leiseste Ahnung von Schach, hat mich auch nie interessiert. Doch diese Serie zeigt, dass Schach nicht nur Sport, sondern eine Lebensaufgabe ist, dass Schach das Leben mit all seinen Facetten widerspiegelt. Wirkt der Plot über ein weibliches Schach-Wunderkind schlicht, so verbirgt sich hinter den sieben Folgen die bewegende Geschichte der Elisabeth „Beth“ Harmon, die nicht nur eine geniale Schachspielerin, sondern eine Lebensmeisterin ist.

„Zuerst fiel mir das Brett auf. Es ist eine ganze Welt mit nur 64 Feldern. Ich fühle mich sicher darauf. Ich kann es kontrollieren und beherrschen. Und es ist vorhersehbar.“

Zitat Beth aus der serie »damengambit«
  • Die Hauptfigur und ihre Darstellerinnen

Sowohl die Darstellerin der jungen Elisabeth (Isla Johnsten), die im Waisenhaus ankommt, sich eingewöhnen muss, Schach spielen lernt, als auch die Jugendliche und erwachsene Darstellerin (Anya Taylor-Joy) lassen diese Serie leuchten.

Beim Anblick zerbrechlich wirkend, lassen die beiden ohne übertriebenes Spiel die traumatisierte Elisabeth, später Beth, durchscheinen, aber nicht überhandnehmen. Ohne Worte wird dargestellt, wie sie sich mit anderen vergleicht, sieht, was sie verpasst – dann aber entschieden ihren Weg geht. Die zunehmende Abhängigkeit von Beruhigungspillen wird mit spärlichen Gesten dargestellt und wir als Zuschauer*innen leiden mit beim Entzug. Das stille Wasser ist hier seine eigene, ungesunde Tiefe.

  • Mr Shaibel (Bill Camp) so wenig Text, so viel Wirkung.

Der Hausmeister im Waisenhaus wird von Beth vor seinem Schachbrett im Keller entdeckt. Die Annäherung der zwei geschieht mit Blicken, vielleicht nur zehn Wörtern. Er lehrt sie das Schach spielen, er bringt ihr mit wenigen Worten das Verständnis für das Drumherum des Spiels bei und lehrt sie ebenfalls das Aufgeben. Sein Tun ist nie aufdringlich, zurückhaltend stolz ist er auf das junge, talentierte Waisenkind und fördert sie, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten.

  • Spannung und Stille

wechseln sich ab, ergänzen sich und krönen die Serie zum Kunstwerk.

Die Spannung liegt nicht nur in den ausgetragenen, immer wichtiger werdenden Spielen, sondern in Beths Nicht-Verlieren-Können, denn Schach ist ihr Leben. Verliert sie, hat sie ihr Leben verloren. Und wird sie das ultimative Spiel gewinnen? Wenn ja, wie  – oder erliegt sie gar dem Rausch der Tabletten?

Die Stille ist fast lauter als die Spannung. Es ist ein Meisterstück, dass diese Serie so gut wie ohne Klischees auskommt. Es ist die Stille der Männer, keine sexistischen Anmerkungen, sondern das undramatische Akzeptieren, dass eine junge Frau an ihren Brettern sitzt. Und wie selbstverständlich, dass die junge Frau nun Ruhm und Ehre erntet, ihren Platz auf den Schach-Thronen dieser Welt einnimmt.

Es ist die Stille der Tragödie – kein groß angelegtes „Das Mädchen mit der schwierigen Kindheit hat es aus dem Sumpf geschafft“, sondern eine Heldinnen-Erzählung, die sich ohne Augenrollen verfolgen lässt.

Es ist eine feministische Serie, die ganz ohne lautes Feminismus-Trara und Women-Power-Sprüche auskommt. Kein in die Länge gezogenes High-School-Zickenkrieg-Gedöns, kurze Andeutungen, mehr nicht. Durch die Rolle der Adoptivmutter, eine gelangweilte, vom Ehemann abhängige Hausfrau der 1960er-Jahre, ist Kritik an der damaligen Zeit eingebaut. Leise und sichtbar.

  • Gibt es einen Haken?

Ja, leider.

Es ist ihre beste Freundin aus dem Waisenhaus. Jolene, wunderbar dargestellt von Moses Ingram, die sich in den ersten beiden Folgen an die Seite der kleinen Elisabeth stellt. Dann aus dem Drehbuch verschwindet und dann — oh Wunder — prompt zur Seelenrettung am Ende wieder auftaucht. „Ich bin nicht dein Schutzengel“, lässt man sie auch noch sagen. Wirklich unnötig und eine wahnsinnige Verschwendung der guten Figur.

»Das Damengambit« – zu sehen auf Netflix (*kostenpflichtig).

Serien-Empfehlung von Simone Glöckler

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