Close

»Die Beste Instanz«

Es gibt eine gelungene und wichtige Antwort auf die unsägliche WDR-Sendung »Die letzte Instanz« vom Januar, und ist auf YouTube zu sehen. Regina Kramer saß mit Begeisterung vor ihrem Laptop.

Enissa Amani, Max Czollek und Natasha A. Kelly (v.li.) Bild: ©Enissa Amani

Endlich hat Corona mal was Gutes. Ohne die Besser-zu-Hause-bleiben-Haltung hätte ich mich vermutlich nicht in einen WDR Meinungstalk mit dem Namen „Die letzte Instanz“ verirrt. Es ging, allen Ernstes, um die Bezeichnung von Soßen, Schnitzeln und Menschen. Genauer um das Z-Wort. Eine Teilnehmerin fand nichts dabei, sie habe Z. schon immer Z. genannt. (Nur die Z. selbst, die haben sich nie so genannt. Das nur nebenbei.)  Ein nächster fragte, ob „wir“ – wer ist „wir“? – nicht andere Probleme hätten. Thomas Gottschalk, auch in der Runde, schwurbelte: „Diese zwanghafte Sensibilität ist doch krauses Denken und erzwungenes Bewusstsein, das einem redlichen Menschen nicht gegeben ist.“

Keine Frage: die Z- und die M- und die N- Wörter müsse man sagen dürfen wollen. Wegen der M-Freiheit.

»Die letzte Instanz« lief zwei Tage nach dem Holocaust Gedenktag vom 27. Januar. In den KZs wurden Sinti und Roma ein „Z“ in die Haut tätowiert. Wohin das später führte, sollte  allen redlichen Menschen bekannt sein. So viel zu Geschichtsbewusstsein und Respekt.

Aufklärung und Erklärung dank Enissa Amani und ihren Gästen

Am 11. Februar sitze ich vor meinem Laptop und bin glücklich. Echt. Auf YouTube  sehe und höre ich sechs Menschen zu, die 1. wissen, wovon sie reden 2. witzig sind, 3. sich aufregen können, 4. interessante und kluge Argumente haben und 5. von denen ich wegen 1 bis 4 viel lernen kann. Vielleicht ist dieses 5. für mich, die sich gerne für aufgeklärt und kritisch halten möchte, besonders wichtig.

Die Antwort auf die WDR-Instanz heißt »Die Beste Instanz« und wurde organisiert von Enissa Amani, deutsch-iranische Comedian, Aktivistin und Superstar. Hier wird nicht diskutiert, ob es Rassismus gibt, sondern in welchen Aspekten er sich zeigt. Alle in dieser Runde haben ihn erlebt und sich beruflich damit beschäftigt.

Die Talkrunde »Die Beste Instanz« (v.li.) Nava Zarabian, Mohamed Amjahid, Enissa Amani, Max Czollek, Natasha A. Kelly und Gianni Jovanovic. Foto: ©Enissa Amaini/YouTube-Screenshot

Max Czollek, jüdischer Autor und Publizist, hat zwei interessante Bücher  geschrieben: »Desintegriert euch!« und »Gegenwartsbewältigung«. Gianni Jovanovic tritt als Comedian, Aktivist und »Erklärbär« für die Geschichte der Sinti und Roma auf. Natasha A. Kelly ist eine Schwarze Deutsche, promovierte  Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin mit den Schwerpunkten Kolonialismus und Feminismus. Mohamed Amjahid arbeitet als deutsch-marokkanischer Journalist u.a. über Rassismus in der Polizeiarbeit. Nava Zarabian ist eine iranisch-deutsche Referentin der Bildungsstätte Anne Frank.

Es wird mit und nicht über die Menschen, um die es geht, geredet

Während die einen ihr Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen unentwegt sagen, verlieren die, über die so gesprochen wird, allmählich die Geduld. Natasha A. Kelly forscht und schreibt seit 25 Jahren über die Diskriminierung Schwarzer Deutscher. Wird dieses Thema inzwischen regulär in den Schulen unterrichtet? Gianni Jovanovic versucht immer wieder darüber aufzuklären, wie viele Mythen, Romantisierungen und Verdächtigungen mit dem Wort »Zigeuner« assoziiert werden. Warum nicht endlich auf diese Fremdbezeichnung verzichten? 

Max Czollek erinnert daran, wie viele Debatten schon über Fragen geführt wurden, die nur deshalb noch Fragen sind, weil die vielfach geäußerten Antworten darauf einfach nicht zur Kenntnis genommen werden. Die Arroganz der Dominanzkultur führe dazu, dass man sich nicht vorstellen könne, dass Wörter Macht ausüben und Sprache eine Handlung ist. Für die weiße Mehrheit zähle nur, was sie selbst sehen und erleben würde. Dass andere sich von ihren Sprüchen beleidigt fühlten, das fänden sie übertrieben.

Mohamed Amjahid wird auch schon als »Ziegenficker« oder »Nafri« degradiert. Aber wehe, erzählt er, jemand nennt die Alemans „Kartoffel“. Das finden sie, sei auch Rassismus. „Definitiv nicht“, sagt Natasha A. Kelly. Rassismus beziehe sich immer auf einen historischen Hintergrund von Gewalt und Unterdrückung. „Und niemand ist je ermordet, gelyncht, zur Flucht gezwungen worden, weil man ihn  Kartoffel genannt  hat.“

Rassismus und Antisemitismus sind unser aller Probleme

Je länger ich zuhöre, desto besser verstehe ich die Ungeduld. Max Czollek möchte sich nicht länger abarbeiten an immer denselben Fragen zum Antisemitismus. Ihm geht es längst nicht mehr nur um Integration, sondern um Teilhabe an einer pluralen Demokratie. Neva Zarabian lehnt es ab, kostenlose Bildungsarbeit gegen Rassismus zu leisten. „Es ist auch euer Problem“.

Enissa Amani, die Initiatorin dieser Runde, hatte den WDR um einen Sendeplatz angefragt. Es gab keine Antwort. So müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht wundern, wenn wichtige aktuelle Auseinandersetzungen auf ganz anderen Kanälen stattfinden. Aber mich hätte doch interessiert, ob nicht auch die Freunde der öffentlich-rechtlichen Anstalten einen Gewinn an Erkenntnis hätten, wenn sie Enissa Amani zuhören würden: Einmal sagte sie bei einer Versammlung, diese Tür da ist blau. Nein, sagte eine: die ist Petrol. Und eine andere fand sie eher grünlich. Und eine Dritte fast violett. Es gibt in der deutschen Sprache rund 80 Wörter, um die Farbe Blau zu beschreiben. Aber nur eine gängige Bezeichnung für Menschen, die anders aussehen: Ausländer.

»Die letzte Instanz« läuft in der ARD Mediathek. Bis zum 29. Januar 2022. Inzwischen haben sich drei Teilnehmer*innen der WDR-Produktion für ihre Äußerungen entschuldigt und finden den Namen der Z-Sauce nicht mehr ok.

Autorin: Regina Kramer


Euch hat der Beitrag gefallen? Dann freuen wir uns über Eure Unterstützung. Danke!
Close