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Vaterspuren

Der Soldat, der mein Vater war
Dorothea Heintze über den Versuch einer Aufarbeitung

Auszüge aus dem Kriegstagebuch des Vaters. Foto: ©Dorothea Heintze

Nicht wahr: Es ist an der Zeit, dass wir unseren Frieden machen mit der Generation der Soldaten und BdM-Mädchen! Dass wir unsere Augen öffnen für das Leid derer, die wir allzu lange nur als Nazis und Mitläufer ansehen wollten. Stellen wir uns ihren Wünschen, Hoffnungen, Verletzungen! Aber ob der Hausputz der Gefühle auch gelingen wird?

Was will ich hier?

Wir sitzen zu viert am Tisch: Schwester Johanna, Marc, meine Mutter und ich. Wir betrachten die Fotos im Kriegstagebuch. Da – die Terrasse gibt es noch genauso. Auch der Park rund um das Kloster. Alles genau wie im Kriegstagebuch beschrieben. Meine Mutter ist zutiefst bewegt: Hier ist er lang gelaufen, in diesem Saal hat er gegessen.

Er. Ihr vor drei Jahren verstorbener Mann. Mein Vater.

Klaus Heintze. Jahrgang 1919.  Mit 18 Jahren Kurzabitur, dann zur Armee. Als der Wehrdienst zu Ende ist, bricht der Krieg aus. Mein Vater bleibt bei der Artillerie. Im Sommer 1940 wird sein Regiment an die holländisch-belgische Grenze verlegt. Mein Vater sucht für die Offiziere ein Quartier und hat Glück: „Ich finde ein  Erholungsheim für brave katholische Brüsseler Mädchen namens Emmaus. Es liegt an der Straße zwischen Weelde und Poppel.“

64 Jahre später fuhren wir diese Straße entlang. Meine Mutter und ich. Eine Spurensuche. Wochenlang hatte ich vorher recherchiert. Die Orte in der Karte gefunden, in Archiven nachgefragt, im Internet gesurft. Dort war ich auf den Belgier Marc Vermeeren gestoßen, Hobbyhistoriker und Leiter des Heimatmuseums von Weelde. Er führte uns durch den Ort: Hier war die Kommandantur, hier die Pferdeställe, dort starben sechs Einwohner bei einem Granateneinschlag. Schließlich kamen wir nach Emmaus.

Schwester Johanna empfing uns, warm und herzlich, mit Plätzchen und Kaffee. Man begann, von damals zu erzählen, in bewegter Stimmung, voller Verständnis. Ach ja, die deutschen Soldaten. „Sie waren ja noch so jung“, sagt Schwester Johanna. „So weit weg von zu Haus“, ergänzt meine Mutter. „Arme Kerle!“ –  Marc Vermeeren schüttelt den Kopf.

Dorothea Heintze (rechts) und ihre Mutter. In der Mitte Schwester Johanna. Foto: ©Dorothea Heintze

Ich will nur weg hier.

Meine Mutter liest aus dem Tagebuch meines Vaters vor. Weil das Regiment weiter auf seinen Einsatz warten musste, vertrieb man sich die Zeit mit Reitjagden. Für den krönenden Abschluss, die Hubertusjagd, organisierte mein Vater 400 Stück Butterkuchen. Und einen ausgestopften Hirschen zur Dekoration, Schampus für den Abend: „Wir wollten ein Mordsfest vom Nagel lassen.“ Na prima. Muss ja eine lustige Zeit gewesen sein, damals im Krieg!

Meine Mutter bemerkt meine Verstimmung. „Sie kann es nicht verstehen“, meint sie, zu Marc und Schwester Johanna. Beide nicken. Ja, ja, sie kann es nicht verstehen.

***

Ich will es nicht verstehen. Mein Vater! Nicht erwarten konnte er es, in das friedliche Belgien einzumarschieren. Kein schlechtes Gewissen hatte er dabei, ausgerechnet ein Mädchenheim als Quartier für die Regimentsoffiziere zu requirieren. Ich kann auch Marc nicht verstehen, den 43-jährigen Belgier, der immer wieder betont, wie „freundschaftlich“ das Verhältnis zwischen den Deutschen und Belgiern war; oder Schwester Johanna, die irgendwann im Gespräch mit ihrem wunderbaren flämischen Akzent sagt: „Ach wissen Sie, vorbei ist vorbei“, und meiner Mutter den dritten Kaffee anbietet.

Und meine Mutter selbst? Die kann ich erst recht nicht verstehen. Müsste sie sich nicht irgendwie entschuldigen? Oder ein schlechtes Gewissen haben? Natürlich war sie, die damals 16-Jährige, nicht dabei. Aber trotzdem. Irgendein Bedauern könnte sie doch äußern, oder?  

Weg, weg von hier, denke ich. Und dabei ist das der erste Tag. Wenn es jetzt schon so schiefläuft, wie wird es dann erst morgen? Am Jahrestag seiner Verwundung? Am Schauplatz seines Leidens.

Natürlich war diese Verwundung immer ein Thema in unserer Familie gewesen. Wir waren mit dem Holzbein groß geworden. Oft hatte mein Vater uns von jenem Tag erzählt. Wie grauenvoll alles gewesen war, seine Alpträume noch Jahrzehnte später, der Phantomschmerz im abgeschossenen Fuß. Aber hatte ich jemals Mitleid mit diesem jungen Mann gehabt, der mit 20 zum Krüppel wurde? Der, das hatte ihn zutiefst gekränkt, später sogar sein Verwundetenabzeichen abgeben musste, weil er nicht vom Gegner, sondern von den eigenen Leuten zusammengeschossen worden war? Ich kann mich nicht erinnern.

Er war doch irgendwie auch selbst schuld. Warum war er so begeistert in den Krieg gezogen? Selbst im Nachhinein: Keine Distanz zu seiner Militärzeit!  Dieses verklärte Lächeln, wenn er von den alten Geschichten anfing: Soldaten, Kameradschaft, Treue, Ehre – ich konnte es nicht mehr hören.

„Ich will deine alte Nazivisage nicht mehr sehen!“, habe ich ihn einmal angeschrieen.

***

Nie hatten wir so in der Familie miteinander gesprochen. Nie! Was muss er damals gefühlt haben? Er, der mir, der 16-Jährigen, nur versucht hatte zu erklären, dass er eben ein pflichterfüllter, aber auch verblendeter Soldat gewesen war. Woher kam mein Hass? Was war das in mir, was mich solche Worte sagen ließ?

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