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Palais F*luxx

Online-Magazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre

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Das Jahr in einem Wort

Julia Karnick hat auf ihrer Facebook-Seite Frauen aufgefordert, das vergangene Jahr mit einem Wort auf den Punkt zu bringen. Sieben der Wörter hat sie ausgewählt, um die Geschichten dahinter zu erzählen. Hier sind sie, jeden Tag eine.

Melahat Simsek, 51, Journalistin

Ich erinnere mich genau daran, wie ich im März das letzte Mal auf einer Veranstaltung war. Da wurde zwar viel über Corona und den drohenden Lockdown geredet. Aber wohl niemand hatte so ganz richtig verstanden, was da auf uns zukam. Auch ich nicht. Wir denken ja immer, dass alles schon irgendwie weitergeht wie gewohnt. Dabei braucht es nur ein Virus, das das Leben komplett auf den Kopf stellt, und plötzlich wird dir klar, wie verletzlich der Mensch ist. 

Ich habe lange gebraucht für diese Einsicht, eigentlich viel zu lange, finde ich. Mir hätte das schon früher bewusst sein können. 2018 ist mein Vater gestorben. An seinem Grab, angesichts der Endgültigkeit des Todes, habe ich sie erstmals gespürt – meine Machtlosigkeit. Aber erst durch Corona habe ich so richtig begriffen: Es stimmt nicht, dass es für alles eine Lösung gibt. Manche Dinge kannst du nicht ändern. Es bleibt dir nichts übrig, als sie anzunehmen und auszuhalten. 

Ich verdiene weniger und merke, ich habe immer noch zu viel

Nicht dass mir das immer leicht fällt, 2020 war für mich eine emotionale Achterbahnfahrt. Aber eben auch ein Jahr des intensiven Nachdenkens, der Selbstreflexion und des Lernens. Dafür war ja sehr viel Zeit. Eine Sache, die ich gelernt habe, ist, dass ich viel weniger brauche, als ich dachte. Meine Honorare sind während Corona zum Teil um zwanzig Prozent eingebrochen, trotzdem hatte ich mehr Geld als vorher. Ich hatte keine Gelegenheit, es auszugeben und merkte: Mir fehlt nichts, im Gegenteil. Ich habe immer noch zu viel. 

Obwohl ich ein Einkaufsmuffel bin, mag ich schöne Klamotten und hab auch genug. Aber dann habe ich während des Lockdowns meinen Schrank aufgeräumt und Sachen darin gefunden, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. An manchen Kleidungsstücken hingen sogar noch die Etiketten, offenbar hatte ich sie nie getragen. Ich habe mich darüber richtig erschrocken. Und ich habe entdeckt, was für eine unsinnige Idee es ist zu meinen, sich etwas zu gönnen hieße automatisch, sich etwas zu kaufen. Ein schöner Spaziergang mit einem lieben Menschen ist der viel größere Luxus. Vor Corona waren solche Unternehmungen etwas, das ich zwischen drei anderen Terminen eingeschoben habe. Jetzt genieße ich sie bewusst und – ja! – voller Demut. 

Ich muss mich engagieren, um innere Ruhe zu finden

Demut, das bedeutet für mich keineswegs, in Lethargie oder Resignation zu verfallen. Demut heißt: Ich weiß zu schätzen und bin dankbar für das, was ich habe. Ich finde mich ab mit dem, was ich nicht ändern kann, ich bleibe gelassen und bin genügsam. Und: Ich frage mich, wo ich die Situation verbessern kann für Menschen, denen es schlechter geht als mir und werde aktiv. Mich beschäftigt das Schicksal der Obdachlosen und der Geflüchteten in Moria sehr, da muss ich mich engagieren, um Ruhe zu finden. Schließlich steckt ja in Demut auch das Wort Mut.

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