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Was Du heut‘ nicht kannst entscheiden, musst Du unbeingt vermeiden!

Wie unsere Autorin Regina Kramer eine alte Bäuerinnen-Regel neu erfindet und 24 Stunden danach lebt

Das Glück, keine Entscheidungen treffen zu müssen
Foto: Marcel Kovacic/unsplash

Dies wird ein ganz wunderbarer Tag. Es ist sieben Uhr morgens, der Wecker hat geklingelt und ich bleibe liegen.
Gestern war ein ganz blöder Tag. Objektiv betrachtet ist nichts Schreckliches passiert. Aber am Morgen konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich mit meinem Freund in Urlaub fahren soll und wenn ja, wann und wohin. Mein Zögern, das können Sie mir glauben, kam nicht gut an.
Am Mittag habe ich mich eine Stunde lang vor einem unerfreulichen Anruf beim Steuerberater gedrückt. Und mir dann zwei Stunden lang Vorwürfe deswegen gemacht. Am Abend wollte ich endlich mal etwas Schönes erleben. Leider war ich völlig unentschlossen, ob ich mit Tom spazieren, mit Sally essen oder alleine ins Kino gehen sollte. Um zehn Uhr abends saß ich immer noch vorm iPad. Dann schlug eine Kirchturmuhr zur Geisterstunde. Und ich dachte: Ich möchte mal 24 Stunden am Stück rein gar nichts entscheiden müssen. Heute gönne ich mir diesen Tag.

7.30 Uhr. Wird Zeit, dass ich aufstehe. Das hört sich nach Entscheidung an. Ist aber nicht wirklich eine. Aufstehen, atmen, sich ernähren und schlafen brauchen keine Diskussion. Was sein muss und was gerne sein darf, werde ich auch heute tun.
Aber was soll ich anziehen? Mein Kopf meldet Alarm. Das kenne ich doch: Erst probiere ich dieses, dann jenes an. Dann hat die Lieblingshose einen Fleck und die Schuhe passen zu gar nichts. Und dann liegen Kleider für sieben Tage auf meinem Bett, und ich kann mich nicht mehr leiden.

Aber heute wird ein ganz wunderbarer Tag.

Ich werfe einen kurzen Blick in den Kleiderschrank. Nichts überzeugt mich spontan. Also ziehe ich an, was ich gestern anhatte. Und was soll ich mit den Haaren machen? Ich binde mir einen Pferdeschwanz. Geht schnell, steht mir gut. Und Make-up? Überflüssig. George Clooney und Billie Eilish werden auch heute nicht im Verlag auftauchen. Wieso habe ich eigentlich schon massenhaft Zeit morgens ratlos vor dem Spiegel verbracht? Ich gehe in die Küche, aber eigentlich habe ich keine Lust zu frühstücken. Ist es nicht ungesund, nüchtern aus dem Haus zu gehen? Ich lache und gehe aus dem Haus.
Normalerweise fahre ich mit der U-Bahn in die Redaktion. Wenn das Wetter sehr schön ist, nehme ich das Fahrrad. Und heute?

Vielleicht einfach ’ne Münze werfen

Ich habe eine Freundin, die wirft eine Münze, wenn sie sich nicht entscheiden kann. Das finde ich zwar lustig, aber mir ist so etwas eher fremd. Man kann sein Leben doch nicht dem Zufall überlassen. Man muss doch bewusst handeln, oder? Und schon schlendern meine Gedanken ziellos in der Gegend herum und beschäftigen sich mit großen philosophischen Fragen. Leider ist die kleine, praktische Frage im Moment viel wichtiger und viel schwerer zu beantworten: Wie komme ich zur Arbeit?
Ich schaue, ob mich jemand beobachtet. Dann suche ich nach einer Münze. Zahl bedeutet U-Bahn. Adler bedeutet Fahrrad. Ich werfe die Münze, der Zufall will, dass ich mit der U-Bahn fahre. Will ich das auch? Ich könnte ja noch einmal die Münze werfen. Und mich verrückt machen. Es ist verflucht anspruchsvoll sich nicht zu entscheiden.

In der Redaktion ist heute nicht viel los. Das ist mir Recht. Leidenschaftslos, aber ungewöhnlich konzentriert arbeite ich mich durch massenhaft Mails. Wie jeden Mittag gehe ich mit zwei Kolleginnen in die Kantine. Wir stehen in der Schlange. Normalerweise würde ich mir jetzt überlegen, welches der drei angebotenen Gerichte ich wähle: Fisch, Fleisch oder Vegetarisches. Das ist keine Entscheidung, die mir den Verstand raubt. Aber mittlerweile gefällt es mir, keine Meinung zu haben. Als ich an der Reihe bin, frage ich die Frau, die die Teller füllt, was sie mir empfehlen würde. Die Frau schaut mich unfreundlich an: „Das müssen Sie schon selber wissen!“ Da bestelle ich, was die Kollegin vor mir bestellt hat. Fisch. Wir suchen einen freien Tisch. Der Fisch schmeckt langweilig. Damit muss man rechnen. Wer hat behauptet, dass Unentschlossenheit stets lecker ist? Aber immerhin muss ich mich nicht ärgern, dass ich mich für etwas Falsches entschieden habe. So positiv gestimmt wie heute war ich schon lange nicht mehr.

Ich wusste es, dies wird ein ganz wunderbarer Tag.

Eine Sekretärin ruft an: „Ich mache gerade die Urlaubsliste. Wann wollen Sie denn freinehmen?“ Und wieder schlägt mein Kopf Alarm. Soll ich mit meinem Freund, und wenn ja und wenn nein … Ich verbiete mir sofort, mich in die elende Grübelei von gestern hineinfallen zu lassen. Ich sage den einfachsten Satz der Welt: „Das weiß ich nicht.“ Die Sekretärin will nächste Woche noch mal nachfragen. Ich bin begeistert. Die kluge, wenn auch nicht so bekannte Bäuerinnenregel „Was du heut` nicht kannst entscheiden, musst du unbedingt vermeiden“ funktioniert doch sehr gut.

Der Zufall entscheidet genauso gut wie ich

Um halb drei ziehe ich Zwischenbilanz: Seit heute morgen bin ich in sieben Stunden sieben Entscheidungen aus dem Weg gegangen. Habe dabei neue Lösungen für alte Probleme erfunden. Habe erfahren, dass der Zufall nicht schlechter entscheidet als ich. Und dass ich erstaunlich gut damit leben kann, mal nicht die Verantwortung für mich zu übernehmen.
Was sagen Sie? Dass das auch keine großen Entscheidungen waren. Stimmt. Aber machen Sie sich nur bei großen Entscheidungen verrückt? Oder ist es nicht viel mehr so, dass kleine Entscheidungen zu großen werden, weil man nicht weiß, wie man sie treffen soll? Weil man im Grunde gar nicht zwischen zwei Sachen entscheiden möchte. Weil man alles haben will. Und dann bemüht man sich, einer Sache den Vorzug zu geben. Und trauert der anderen Sache nach.

Aber heute ist ein ganz wunderbarer Tag.

Ich will nichts. Nicht mal einkaufen gehen. Vor allem keine Schuhe gucken. Schuhgeschäfte sind eine monströse Herausforderung. Acht bis zwölf wunderbare Stiefel schauen mich flehend an. Dann mischt sich eine Verkäuferin mit zweifelhaften Ratschlägen ein. Dann gefallen mir die schönsten und die teuersten. Aber ich kaufe die billigeren. Und schon zu Hause ärgere ich mich über meinen Geiz. Das kann mir heute nicht passieren. Für Stiefel ist es draußen viel zu warm.

Als ich am späten Nachmittag meine Haustür aufschließe, erinnert mich Tanja, meine Nachbarin, an unsere Verabredung, heute gemeinsam in die Sauna zu gehen. Will ich wirklich schwitzen? Weil es mir peinlich wäre, in ihrer Gegenwart eine Münze zu werfen, schließe ich kurz die Augen. Wenn ich sie wieder aufmache und auf der Straße etwas Rotes sehe, werde ich mit Tanja in die Sauna gehen. Ich sehe nichts Rotes und vertröste Tanja auf die nächste Woche.

Mal gucken, wer mich am Abend einladen möchte

Auf dem Anrufbeantworter erzählt Sally mit düsterer Stimme von einem Beziehungsproblem. Sie brauche meinen Rat. Mein Kopf schlägt Alarm. Ich bin eine zuverlässige und gute Freundin. Ich helfe, wo ich kann. Aber Sally ist nicht zu helfen, seit drei Monaten nicht. Warum dann heute Abend und von mir? Das sage ich Sally am Telefon, allerdings drücke ich es ziemlich anders aus.
„Macht nichts“, sagt Sally, „Stefanie ist gerade zu Besuch“. Sallys Freundin und das Schicksal meinen es gut mit mir.

Dann telefoniere ich in der Gegend herum. Irgendwer wird mir vorschlagen, wie ich den Abend verbringe. Oli lädt mich zum Essen ein. Olivia erzählt von einer schönen Ausstellung. Ortrud will mich zu einer Lesung schleppen. Mein Freund Tom möchte mich heute nicht sehen. Und dann kommt Basti vorbei, der zufällig zu Besuch in der Stadt ist. Ob ich nicht Lust habe, ins Planetarium zu gehen.
Ich war noch nie in einem Planetarium. Ich habe keine Ahnung, ob mir das gefällt, Sterne gucken. Komplett leidenschaftslos gehe ich mit.
OMG, war das schön.
Die Sterne funkeln auch vor meinem Schlafzimmerfenster. Ich bin fröhlich und müde. Und wenn ich heute Nacht doch noch etwas entscheiden würde, dann dies: Morgen mache ich mir wieder einen wunderbaren Tag.
Aber ich komme nicht mehr zum Entscheiden. Ich bin schon ohne Für und Wider eingeschlafen.

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