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Tatsachenreport

War wieder schön

Ich bin schon länger geschieden, er nicht. Er redet filmreif über seine eiskalt gewordene Ehe und dass da schon seit zehn Jahren im Bett nichts mehr läuft. Da er über 60 ist, haben sie es ja eigentlich recht lange ausgehalten. – Aber was geht mich das eigentlich an?

Wir treffen uns alle paar Wochen zum Essen und danach gehen wir auf ein Hotelzimmer. Er sucht aus, lädt ein, bezahlt. Immer woanders.

Im Lockdown, als alles außerhalb der Kernfamilie verboten war, hat er das Zimmer über seine Firma gebucht und sich als Dienstreisender ausgegeben. Da Restaurantbesuche entfielen, brachte er Sushi und Wein in einer Plastiktüte mit. Mir war ein bisschen, als würde ich mich für eine Mahlzeit ficken lassen …

Neulich schlug er vor, den Restaurantbesuch wieder wegzulassen und auf dem Zimmer zu essen, wir hätten dann mehr Zeit für uns. Ich schrieb zurück, dass mir etwas Stil und Grandezza doch wichtig wären und ich darauf bestünde, vorher essen zu gehen…

Und so aßen wir in einem schicken Mitte-Lokal und ich hätte gerne die Weinkarte hoch und runter getrunken und mit ihm bis in die Nacht hinein geschwatzt. Er jedoch schaute nervös um sich und jedem Neuankömmling ängstlich entgegen. Er wollte nicht mit mir gesehen werden.

Ich will ihn wirklich nicht heiraten, aber DAS ist unglaublich abtörnend. Unser Gespräch erstarb. Bald standen wir im Fahrstuhl und ich wagte nicht, mich im fahlen Licht im Spiegel anzuschauen.

Die Zimmer sind immer edel und eigentlich könnte ich bis zum Morgen bleiben, auf mich wartet ja niemand zu Hause. Das mache ich aber nie. Verlassen zu werden – direkt nach dem Sex, mit einem unauffälligen Blick auf die Uhr – lieber nicht.

Der Sex ist … okay. Ich komme zwar nie, genieße aber, berührt und begehrt zu werden. Auch diesmal lasse ich mich nicht zu sehr ein, ich möchte auf keinen Fall eine tiefere Bindung zu einem verheirateten Mann. Er zieht mich nicht ungeschickt aus, er riecht gut, ist in Form und zärtlich. Ich merke immer sofort, wie erfahren jemand ist und ob er sein „Wissen“ aus Pornos bezieht. Erstaunlich viele Männer glauben nämlich noch immer, dass die pure Penetration die Frau in den Himmel katapultiert. So auch er. Das finde ich zunächst rührend, aber nach einer Weile doch schade. Nonverbal erinnere ich ihn an die Existenz der heiligen Mutter Klitoris und dann wird es eine Weile sehr angenehm. So könnte es sein und meinetwegen bleiben, wenn, ja wenn er mich am Ende nicht immer umdrehen müsste. Ich habe nichts gegen Doggy Style, aber in diesem Falle weiß ich, dass er nur kommen kann, wenn er mein Gesicht nicht sieht, und ich kann nur hoffen, dass das SEINE Meise ist und nicht an mir liegt.

Danach fahren wir immer in verschiedene Richtungen nach Hause. Am Morgen kommt jeweils eine Nachricht: „War wieder schön.“ Manchmal vergesse ich zu antworten.

M., 59 Jahre


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