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Tatsachenreport

Aktuell asexuell

Kurz nach meinem fünfzigsten Geburtstag vor sieben Jahren habe ich das letzte Mal Sex gehabt und zwar nicht mit meinem Mann. Mit dem habe ich schon so lange nicht mehr geschlafen, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. 

Ich war damals mitten in den Wechseljahren, voll Sehnsucht nach Ausbruch und Freiheit und verliebt in den anderen. Ich habe ernsthaft überlegt, meinen Mann zu verlassen, habe mich aber am Ende bewusst dagegen entschieden – der Kinder wegen, die ich erst mit Anfang Vierzig kurz nacheinander bekommen habe und die da noch klein waren. Mein Familien-Ich ist bis heute überzeugt, dass es für sie besser ist, in einem intakten Elternhaus aufzuwachsen, zumal mein Mann und ich im Alltag gut miteinander auskommen. Er ist ein guter, freundlicher, kluger Mensch und ein engagierter, verlässlicher und liebevoller Vater. Ich begehre ihn nur schon sehr lange nicht mehr. Überhaupt kommt Sex in meinem Leben inzwischen nicht mehr vor. Ich masturbiere auch nicht, ich habe kein Bedürfnis danach. Sex ist irrelevant für mich.

Ich vermisse Körperkontakt. Nicht Sex

Das war nicht immer so. Als junge Frau habe ich mich als Vamp empfunden und inszeniert, ich habe immer Spitzendessous, Strings und gerne auch mal Strapse angezogen und hatte Spaß am Männer-Verführen. Ein paar Jahre nachdem ich geheiratet habe, hat sich das geändert. Inzwischen besitze ich nur noch ganz praktisch-sportliche Unterwäsche, sie entspricht dem, wie ich mich empfinde: asexuell.

Sex vermisse ich also nicht, was mir eher mal fehlt, ist Körperkontakt. Meine Kinder kuscheln schon lange nicht mehr gerne mit mir, und zu meinem Mann bin ich nie zärtlich. Ich fürchte, ihm damit falsche Hoffnung zu machen. Er hat sich lange sehr schwer damit getan, dass ich keinen Sex mehr will, hat sich am Ende aber damit abgefunden. Das ist kein Gesprächsthema mehr zwischen uns.

Meine Freundinnen sind wichtig. Sei begeistern mich mehr als Männer

Es sind meine Freundinnen, die mein Bedürfnis nach Berührung zumindest ein bisschen stillen, wenn wir uns umarmen oder andere freundschaftliche Zärtlichkeiten austauschen. Diese Freundinnen sind extrem wichtig für mich. Sie begeistern mich mittlerweile viel mehr als Männer, die mich oft langweilen. Je älter ich werde, desto mehr finde ich: Frauen sind toll, sie haben eine viel größere Anziehungskraft als Männer. Sie sind strahlender, spannender und schöner, selbst wenn sie gar nicht klassisch schön sind.     

In eine dieser Freundinnen bin ich heimlich ein bisschen verliebt, wobei sich diese Verliebtheit nicht in der Sehnsucht nach sexueller Intimität äußert, sondern in Träumen von geistiger und emotionaler Verbundenheit. Wenn ich mit ihr zusammen sein könnte, wer weiß, vielleicht würde dann mein Wunsch nach Sex wiedererwachen. Die Frau ist lesbisch, aber glücklich in einer festen Langzeitbeziehung. Und ich bin entschlossen, so lange bei meinem Mann und den Kindern zu bleiben, bis die mit der Schule fertig sind: Noch zwei Jahre, dann ist es gut möglich, dass ich ausziehe und ein neues Leben beginne. Und falls dazu dann auch eine neue Liebe gehörten sollte, dann ganz sicher eine Frau.     

J., 57


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Schönes Schmachten – die Playlist zum „Sex der Woche“


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