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Schöner Bettler

Besser immer freundlich zu Damen ab 47 sein. Sonst gibt´s Haarausfall. Plus Alkoholismus und Einsamkeit


Als ich letztes Jahr durch die Fußgängerzone lief, fiel mein Blick auf einen Bettler, der sich im Schneidersitz an einem Laternenpfahl auf dem Platz vor dem Kaufhaus niedergelassen hatte, vor sich ein Pappschild, auf dem zu lesen stand: Bin obdachlos. Es war ein Mann von höchstens zwanzig Jahren, ganz gutaussehend sogar, er strahlte Arroganz und Bösartigkeit aus und trug sein dunkles Haar modisch lang.

Aus seinen blauen Augen schaute er mir von unten entgegen, bettelnd und zugleich schäkernd, sich seines Drei-Tage-Bart-Charmes offensichtlich bewusst. Er wusste wohl, dass seine Zielgruppe ältere Frauen mit mütterlichen Instinkten waren.
Während ich näher kam, hielt ich den Blickkontakt, nur dass ich eben nicht in Mitgefühl schwamm und nach meinem Portemonnaie angelte, sondern den jungen Mann einfach betrachtete.

Als ich in einem Abstand von etwa zwei Metern an ihm vorbei lief, verzerrte sich sein Gesicht zu einer Hassfratze, denn er hatte begriffen, dass ich nicht zu erweichen war.
Er zischte: „Ich bin schön, und Du bist eine alte Schabracke!“ Ich hörte es, als ich schon auf dem Weg ins Kaufhaus war.
Ein Jahr ist um, er sitzt noch immer am selben Platz. Neulich ging ich hinter seinem Rücken an ihm vorbei. Durch sein Hinterkopf-Haar schimmert eine große, kahle Stelle, und es vielleicht nicht nett, aber es freut mich doch sehr, dass so einer in jungen Jahren schon eine Glatze kriegt.


Gabriele Bärtels, mehr von unserer Autorin auf gabriele-baertels.de und ihrer Literaturwebsite „Elisabeth Ligensa“ https://elisabeth-ligensa.de/ 

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