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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: ZEIT-Kontaktanzeigen und Quetschmünzen

Sollte eine Dame von edler Gesinnung hier keinen Mann fürs Leben finden, so kann sie immerhin eine Quetschmünze mit nach Hause nehmen

Sehr gut könnte ich auch Privatdetektivin sein, weil ich erstklassig Leuten auf der Spur bleiben kann. Seit Längerem schon verfolge ich die Bemühungen eines mittlerweile 50jährigen Herrn in der schönen Rubrik „Kennenlernen“ der ZEIT. Ich darf seine sehr ausführliche Anzeige zusammendampfen: „Individualist, Ästhet, Ethiker, ernsthaft, aber humorvoll, erstrebt die Bekanntschaft einer charmanten jungen Dame bis 37, ohne Anhang, ohne großes Vorleben (Liaisons), schlank und zierlich, sportlich, gepflegt, ohne viel Schmuck und Schminke, kein Jeans-Typ, keine Disco-Gängerin, keine Popmusik-Anhängerin, eine Dame von sauberer Denkweise und edler Gesinnung.“ Es war 2019, als ich die Annonce zum ersten Mal las. „Oha!“ dachte ich damals, „anspruchsvoll, aber irgendwo hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen findet sich sicherlich eine durchtrainierte, genügsame Klosterschwester.“ Die Sache gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht; das Inserat erschien gleichlautend immer wieder, bis es irgendwann letztes Jahr verschwand.

„Ohne viel Schmuck“ wurde ersatzlos gestrichen

Wir waren nicht direkt Freunde geworden, der Ethiker und ich, aber so etwas wie gute Bekannte, zumindest von meiner Seite aus. Ich spürte: Er hat nicht aufgegeben, er besinnt sich nur. Und tatsächlich, vor einigen Tagen leuchtete er wieder aus dem kargen Gestrubbel der anderen ZEIT-Suchenden hervor. Die Anzeige ist nur scheinbar ganz die alte, ich bin wohl die Einzige, die erkennt, wie fein da überarbeitet wurde: „Zierlich“, „ohne viel Schmuck“ und „keine Popmusik-Anhängerin“ wurden ersatzlos gestrichen. Das ist klug – denn auch wer hin und wieder einen frischen Popsong hört und dabei gleich zwei Kettchen um den etwas zu starken Hals trägt, kann ja von sauberer Denkweise sein. In jedem Fall ist mein alter Bekannter über seinen Schatten gesprungen, trotz des Stocks im Arsch. Ich rufe „Bravo!“ Würden wir alle unsere partnerschaftlichen Ansprüche etwas erden, kämen wir schneller ans Ziel. 

Die Arzthelferin zeigt mir Katzenbilder, ich zeige ihr Quetschmünzen

Erdung finde ich auch bei den freundlichen Quetschmünz-Sammler*innen (https://www.quetschmuenzen.de/faq-haeufig-gestellte-fragen.html).  Quetschmünzen sind eine gemütliche Leidenschaft: Man fährt zu einem der Automaten, wirft ein Fünfcentstück ein, dreht an einer Kurbel und bekommt die Münze plattgedrückt und hübsch geprägt wieder raus. Danach weiß man, wo man sich gerade aufhält, zum Beispiel an der Seebrücke Großräschen oder im Wolf- und Bärenpark Bad Rippoldsau-Schappach. Die Automaten stehen wirklich überall. Der Spaß kostet einen Euro und hinterher hat man einen tollen Schatz in der Geldbörse. Eine Arzthelferin zeigte mir jüngst zur Beruhigung Bilder ihrer Katzen, bevor sie mir die Spritze gab – in so einem Fall hole ich im Gegenzug meine Quetschmünzen hervor und lasse sie bestaunen. Ich besitze rund 40 Stück, habe aber nur meine beiden liebsten (Disneyland Paris und Hamburger Landungsbrücken) immer dabei. Lange Jahre dachte ich, ich sei ganz allein mit meiner Liebhaberei; tatsächlich gibt es immer irgendwo jemanden, der einen versteht. Das ist bei allem Geraffel sehr beruhigend zu wissen. 

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