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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: mit Gefühl

Die einen gedenken im Stillen oder nur auf dem Friedhof – Frau Heinlein schließt sich den südamerikanischen Gebräuchen an und trinkt auf die Erinnerung

Jeder Monat bietet so seine ganz eigenen Aufgaben und Vergnüglichkeiten und vor denen dürfen wir uns nicht drücken, meine Luder. Ich rufe auszugsweise in Erinnerung, weil im alttäglichen Geraffel ja leicht etwas aus dem Blick gerät: Der süße Mai möchte, dass wir selig sind, zumindest gelegentlich; im Juli gilt es, im Wasser zu juchzen, und im Oktober müssen wir zumindest einmal mit den Füßen durch angehäuftes Laub schlurfen, so ist es Vorschrift von alters her und es wäre albern dagegen anzugehen.

Jetzt zum November:
Wir möchten in diesen Tagen üben, öfter über unsere Verstorbenen zu sprechen, meine Luder, ernsthaft. Ich meine, herrje, das sind Menschen, die haben in echt gelebt, und nur weil sie gestorben sind, sind sie ja nicht wirklich tot, so von wegen „weggegangen, Platz vergangen“. Von einem Südamerika-Reisenden erfuhr ich, wie die Sache dort gehandhabt wird: Wenn man beisammensitzt, erhebt relativ zuverlässig irgendwann jemand sein Glas und nennt den Namen eines nahen verstorbenen Menschen. Dann heben auch die anderen ihre Gläser, mit einem nachdrücklichen „presente!“, „anwesend!“ also, und weiter geht’s mit den Nachos oder dem Würfelspiel, keine Ahnung, was man beim Trinken in Südamerika üblicherweise treibt. „Presente“, das ist lässig, knapp, gefühlig und richtig, denn anwesend sind unsere Toten ja, auch wenn wir das oft verdrängen, weil es uns zu sehr schmerzen würde oder es irgendwie nicht üblich ist, sie zum Kartenspielen oder Essen an den Tisch zu bitten. Wir bewahren sie lieber still hinten in unserem Kopf auf und holen sie nur in besonderen, sentimentalen Momenten hervor. Bei all unserer Betriebsamkeit wollen wir aber nicht vergessen: Über ein kleines, anlassloses Hallo freut sich jeder Mensch, auch wenn er nicht mehr lebt.

Man kann natürlich auch direkt jemanden auf dem Friedhof besuchen und sich dort anständig in Melancholie, Trauer und Wehmut reinschaffen. Immer schön aus jeder Stimmung das Optimum rausholen, meine Luder, halbherzige Grooves bringen niemandem was, schon gar nicht im November. Hier bei mir jedenfalls steht die Zeit gerade still, es ist spät und die Welt schläft und na dann, es ist noch was im Glas, „Manfredo, presente!“. Und hoppla, da steht er auch schon in der Küchentür und sagt: „Mach‘ nicht mehr so lange, Süße“. Seid Euch sehr sicher, meine Luder: Irgendjemand, ziemlich weit weg und ganz in der Nähe, wartet darauf, dass Ihr seinen Namen nennt.

                                               

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