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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Quasselquasselquassel

Mansplaining? „Hertwaddling“ nennt Frau Heinlein die weibliche Variante des Totlaberns

Wir wollen den Dudes nicht das ganze Feld überlassen, meine Luder, nein, nein, denn so nervtötend wie die sind wir allemal, das möchte ich heute fröhlich in die Gemeinde hinaustuten. Natürlich gibt es Bereiche, in denen wir noch hinterherhinken. Beim Mansplaining zum Beispiel müssten wir uns ja erstmal einen Schnurrbart ankleben (nebenher: Ich habe eine Freundin mit einer stattlichen Schnurrbartsammlung. Noch jemand in der Runde? Mit schönen Hobbys soll man nicht alleine sein), damit die Anwesenden auch begreifen können, was genau da jetzt vor sich geht.  

Das Hertwaddling* hingegen beherrschen Frauen einfach besser als Männer, da beißt die Maus keinen Faden ab, Neulich erst war ich auf einer Trauerfeier, es war ein sehr kleiner Kreis, nach der Bestattung wurde zum Essen gebeten. Man nahm gemeinsam Platz an einem langen Tisch, es herrschte verhaltene Stimmung, das ist bei solchen Anlässen ja nicht unüblich. Nun hatte die Cousine des Verstorbenen aber etwas zu berichten, etwas, das ihrem Gefühl nach für alle Anwesenden von Belang war: Ihre Terrasse wurde gerade neu gestaltet, es gab reichlich zu organisieren, dazu das Übliche mit den Handwerkern, man muss sie immer beaufsichtigen, natürlich. Auch eine Auseinandersetzung mit den Nachbarn gab es zu bewältigen, wegen der Pergola, der gemeinsamen Gartenhecke oder irgendetwas anderem. Es war eine extrem zähe, hochgradig langweilige, nicht enden wollende Geschichte, sie hatte immer noch einen neuen Tiefpunkt, das an die Terrasse grenzende Beet musste verlegt werden, der Gärtner brachte die falschen Pflanzen. Das Gequassel legte sich wie eine stickige Decke über die kleine, erschöpfte Trauergemeinde, niemand hatte die Kraft, die Frau bewusstlos zu schlagen. Hertwaddling ist etwas sehr Schlimmes, mindestens so schlimm wie Mansplaining.

Wir aber wollen nun in aller Stille Großes und Schönes bedenken, denn langsamlangsam krabbelt das Jahresende heran, es ist also Zeit, sich dies und das zu fragen. Ihr könnt die Fragen direkt hier aus dem Bildschirm ausschneiden, meine Luder, und an den Kühlschrank hängen:

  • Kann ich aus meinem 2021 einen weichen Schal stricken?
  • Sind meine Zweifel nur ein kleines, felliges Tier, das in meiner Handtasche wohnt?
  • Bin ich der Schlafsack meiner Seele?**                                                    

Die wirklich guten Fragen, sagt das Buch der Luder, wollen niemals gänzlich beantwortet werden. Die möchten einfach nur lässig im Raum rumstehen bleiben.  

*Hertwaddling ist ein hier und heute erstmals in den deutschen Sprachraum geworfener Begriff. Er bezeichnet inhaltlich unerhebliche, oftmals der Situation unangemessene, unbeirrte Monologe einer Frau, die davon ausgeht, dass die zuhörende Person (m/w/d) in hohem Maße an dem Gesagten interessiert ist und selber nichts von Belang zu sagen hat. Hertwaddling (her twaddling = ihr Quasseln) wird gegenüber Einzelpersonen und Gruppen praktiziert.

** inspiriert und gestohlen aus dem grandiosen Fragen-Buch „Findet mich das Glück?“ (Peter Fischli, David Weiß, Verlag der Buchhandlung Walter König)

 

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