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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: Stimmungen

Leider der heiße Scheiß: Eisbaden

So. Ich bin ernsthaft sauer. Diese Woche wollte ich zum ersten Mal in meinem Leben draußen Winterschwimmen; in der Alster oder Elbe, weil die Bäder zu sind und ich endlich mal wieder was Wagemutiges machen wollte. Gaaanz weit vorn, Madame, dachte ich, hingerissen von meinem exzentrischen, leidenschaftlichen Wesen. Und dann lese ich: Eisbaden ist DER aktuelle Hype, sozusagen das neue Ausgehen, und dass die Leute schwimmen gehen, weil jede Sekunde Kälteschmerz bestätigt, dass man noch da ist. Hallo-ho?! Das war MEINE Idee! Kann ich wohl EINMAL in meinem Leben einen genialen Gedanken haben, ohne dass ihn irgendwer vor mir verwirklicht? Passt mir jedenfalls alles gar nicht, hab‘ ich mir komplett anders vorgestellt.

X-Men Origins: Wolverine – ganz mein Gefühlsleben

Schön sauer also schnell zurück aufs Sofa zum TV. Ich sehe mittlerweile nur noch Filme, die konkret etwas mit meinem Leben zu tun haben. Perfekt: „Die Mutantenschwestern Sly und Doris werden nach dem Tod ihrer Mutter zu Rivalinnen. Um den Tod ihrer großen Liebe Jens-Peter zu rächen, lässt Sly sich von Schurkin Olga ein Skelett und Krallen aus Adamantium verpassen.“ Das ist so ungefähr der Inhalt von „X-Men Origins: Wolverine“, einem Werk, das meinen aktuellen Gefühlen sehr nahekommt.

Füllte früher Winnetou mein Leben aus, gucke ich jetzt dem Glattstreichen von Cremspeisen zu

Meine Freundinnen haben andere Probleme. „Wie geht es Dir?“, schrieb ich einer, von der ich schon länger nichts Konkretes gehört hatte. „Ich schleiche mich so daher“, antwortete sie. „Nix Dolles zu erzählen, jeder Tag ist ein neuer Tag, eben so das ewige Fragen ans Leben, was ist es, wo führt es hin, warum sterben Menschen, was soll es?“ Da schien eine gewisse Stimmung zu sein, die nach einer tröstlichen Antwort verlangte. Ich habe auch schnell eine gefunden, dafür sind Freundinnen da. Nachdem ich mit elf Jahren schlimm in Winnetou verknallt war, hatte ich die Apachen und andere Stämme leider etwas aus den Augen verloren – aber hier, bitte sehr, direkt von Arvol Looking Horse, Häuptling der Lakota: „Jeder von uns wurde in diese Zeit und an diesen Ort platziert, um über die Zukunft der Menschheit mitzuentscheiden. Dachtest du, du wärest wegen etwas weniger Wichtigem hier?“ Angesichts dessen schäme ich mich übrigens gerade außerordentlich.  Zuletzt habe ich meine Instagram-Zeit mit der Betrachtung lächelnder Babys vertrödelt. Alternativ hänge ich auf einem beruhigenden Account herum, auf dem Cremespeisen glattgestrichen werden. Hrch!

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