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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: Liebeskummer und Tarot

Der Liebeskummer einer Freundin bezeugt, dass noch Luft nach oben ist

Immer wieder einmal haben meine Freundinnen Liebeskummer. Das hat durchaus auch etwas Beruhigendes, weil es zeigt, dass noch Luft nach oben ist, insgesamt gesehen. Ich selber leide zurzeit an keinem Mann und bin nur in beratender Funktion unterwegs. Ich sage meinen Freundinnen immer das Gleiche, also genau das, was sie auch mir sagen, wenn ich Liebesnöte habe. „Er ist beziehungsunfähig, ein emotionaler Honk“, sage ich. „Du bist sehr viel weiter als er und andere Mütter haben auch schöne Söhne.“ So in etwa rede ich daher und weiß, dass meine Freundinnen das alles selber schon wissen, aber nützt ja nix.

Wow, dachte ich, so alt und immer noch so dumm

Kleiner Zeitsprung: Als ich Ende 30 war, sah ich gerne eine Orakel-Show im Fernsehen. Es riefen immer nur Frauen bei den Kartenlegetanten und -onkels an. Sie nannten erst Namen (Elisabeth, Ilse, Magda) und Alter (52 bis 79, so in etwa) und wollten dann immer das Gleiche wissen: „Meldet sich mein Herzensmann denn nochmal?,“ fragten sie. Die Tanten und Onkels guckten in ihre Karten oder in ein dampfendes Räucherpfännchen und sagten: „Sie dürfen zuversichtlich sein. Er wird sich melden, noch nicht gleich, aber in einigen Monaten.“ Daraufhin seufzten die Damen erleichtert auf und ich dachte: Wow, so alt und immer noch so dumm. Die Armen! Heute weiß ich natürlich, dass man sich auch mit stark über 50 in der Partnerwahl noch grandios vertun kann.

In den 90er-Jahren war ich offensichtlich am laufenden Band verzweifelt

Beim Suchen nach Unterlagen für die Rente („Bitte weisen Sie die Lücke zwischen Mai und August ’93 nach.“ Toll, eigentlich! Was habe ich da wohl Wildes getrieben?) fand ich nun meine Tarot-Karten wieder. Sie sind erschütternd abgegriffen, ich war in den 90er-Jahren offensichtlich am laufenden Band verzweifelt. Ich behaupte jetzt einfach mal: Tarotlegen wird der nächste Hype, denn die Karten sind prima. Sie haben alle die gleiche Botschaft, ich habe schnell wieder ins Thema reingefunden: Abschied, Erweckung, Neuanfang, Befreiung, das war es im Wesentlichen und da will man nicht murren. Der nächste Liebeskummer kann jedenfalls kommen, ich helfe gerne weiter.

Hunde? Ich mag lieber Lebewesen mit gewissen Umgangsformen

Nächster Hype: Was ist los? Welthundejahr? In sämtlichen Printmedien wohlgesonnene Texte über Menschen und ihre Hunde. Spektakulärer Tenor: Hundebesitzer*innen begreifen ihr Tier als besonders guten Freund des Menschen. Ich selber mag Lebewesen mit gewissen Umgangsformen. Wer zur Begrüßung unvermittelt seine Schnauze an meine Pussy stupst, ist raus. Ebenso, wer erst sein eigenes Geschlechtsteil und gleich darauf meine Hand ableckt. Aber das Thema ist brisant, Hundebesitzer*innen sind feinnervige Geschöpfe. Ich muss ohnehin weiter, ich habe einen Termin beim Hula-Hoop-Laden. In letzter Sekunde auf den „heißer Scheiß“-Zug aufspringen scheint mein neues Hobby, es ist das übelste nicht.

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