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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Dänisches

Frau Heinlein legt den „flauschigen Meeresumhang“ an und wägt ab, ob sie den Städter doch gegen Fischer tauschen soll.

Dänemark also, ich sitze weiterhin an der Nordseeküste, nichts als scheinbar endloser Strand, wilde Küstenlandschaft, hin und wieder ein Supermarkt mit Unmengen von eingedosten Fischrogen. Das Meer ist frisch und immer ist ein Wind zugange, man kann also leicht frieren, aber ich nicht, denn das ist das Gute am Wechseljahres-Geraffel: Ich friere nicht mehr. Nie. Am Strand sieht man breite, bärenartige Wesen. Es sind dynamische Surfer*innen und gemütliche Best Ager in weiten, langen Frotteekutten mit riesigen Kapuzen. Ich habe das unglaublich behaglich aussehende Kostüm sofort gegoogelt und gelernt, was man darin alles tun kann: sich umziehen, abtrocken, wärmen, Brote schmieren, andere Strandgänger*innen hineinbitten, also det er et mirakel, es ist ein Wunder. Aus dem Dänischen übersetzt, heißt das Gewand „flauschiger Meeresumhang“. Allein schon deshalb: ist bestellt.

Überhaupt kommen verführerische Sachen heraus, sobald man das Dänische ins Deutsche überträgt. Über die Gegend, in der ich bin, heißt es: „Hier wird nicht alles mit einem Laptop erledigt. Große, starke Fischer mit breitem Kreuz und großen Händen, die jedem Sturm auf der hohen See entgegenhalten können, bringen Fisch heran.“ Ja, denke ich da, du großer, starker Fischer, bring mir den Fisch und pack ihn direkt mal aus, hier auf meinem Küchentisch! Aber ich kenne nur feingeistige Städter, einer von ihnen kommt dieser Tage zu Besuch. Wir kennen uns noch nicht so wirklich, deshalb gibt es vieles zu bedenken. Der Sand zum Beispiel – er knirscht unter den Füßen in meinem kleinen Ferienhaus. Ich fege ihn nicht weg, denn Sand auf dem Boden hat Stil, sage ich mir. Aber wenn der Mann kommt … sollte ich dann womöglich auch meine Nägel neu lackieren und alles Mögliche rasieren? Und insgesamt einen etwas aktiveren Eindruck vortäuschen? Puh. Er schrieb mir bereits, dass es ganz in der Nähe einen tollen Leuchtturm gebe, den würde er gerne besuchen. Den kleinen hiesigen Hafen wird er auch sehen wollen, weil er gerne Schiffe betrachtet und Wissen über sie anhäuft. Viele Männer interessieren sich ja für etliche Dinge, sie sammeln Wissen an und stehen später beim Erklären irgendwie schlau da. Was machen wir Frauen derweil? Einiges handarbeiten? Uns kümmern? Kaltes Wasser und unser Innenleben erkunden? Wir wollen uns in keine Antwort verbeißen, meine Luder. Besser, wir schieben die Frage erst mal auf die lange Bank und legen einen flauschigen Meeresumhang drüber. 

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