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Na Fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags.
Diesmal: Die besten Themen und ein Haus am Meer 

Wenn man sich mal so richtig knorke fühlt und meint, Stiefel und ein knappes Höschen würden aus der Schwalbe einen Sommer machen

Ich bin in der Sommerfrische, die Schwalben zwitschern über mir, ich liege bei den Teichmuscheln im flachen Wasser und kann bei alldem nichts Packendes denken. Aber ich habe neben sehr guten Drops immer auch zwei emotionale Themen in der Handtasche, man weiß nie, wann man die gebrauchen kann. Erstens: flott älter werden. Zweitens: Mütter und Söhne. (Mitgenommen und bekuschelt werden dabei auch Mütter ohne Söhne und Frauen, die keine Mütter sind. Ich bin ja nicht Hape Kerkeling, der hat gerade ein Buch über seine Katzen geschrieben – über den sanften Peterle, den gemütlichen Samson, die schlaue Anne, die zähe Bolli und Chefin Kitty. Das ist schon mal todlangweilig, so viele Namen, und überhaupt kann nicht jede*r das Buch lesen, es ist ausschließlich etwas für Menschen, die Katzen kurzweilig finden. So ist das bei meinen Themen nicht, das sind nämlich superprima Themen, in der Regel sind sie sogar die besten, denn es ist für jedes Luder was dabei.)

Geht das Gefühl für angemessen Kleidung mit den Wechseljahren verloren?

Also, flott älter werden: Ah, junge Menschen, ich liebe sie, manche jedenfalls. „Wollen wir telefonieren?“, texte ich der Teenager-Tochter einer Freundin und sie antwortet „safe Ruf an“. „Safe Ruf an“, das belebt wie ein guter Morgenkaffee. Ich möchte auch „safe Ruf an“ schreiben, allen möglichen Leuten, aber meine WhatsAppTexte sind zwanghaft altertümlich: Anrede großgeschrieben, Kommata, Punkte, schöne Grüße und so weiter, insgesamt benehme ich mich wie der Hofberichterstatter Königin Victorias. Sollte ich mich etwas jugendlicher geben? Ich bin unsicher. Neulich fühlte ich mich echt knorke und wählte mein Outfit danach: Shorts, Cowboystiefel aus Stoff und einen langen, bunten, gehäkelten Hippiemantel. Die Freundin, die ich anschließend traf, ging vor Lachen in die Knie und konnte sich nicht mehr beruhigen. Weil jeder Spaß einmal sein Ende haben muss, rempelte ich sie an, sie fiel hin und machte sich vor Lachen in die Hose. Literally. Frage: Geht das Gefühl für angemessene Kleidung mit den Wechseljahren verloren? Ist es insgesamt einfach so wie in der Pubertät: alles pupsegal?

Suche liebevollen Mann am Wasser

Zweites bestes Thema: Mütter und Söhne. Viele Menschen wünschen sich, am Wasser zu leben, aber nur wenige gehen es auch gezielt an. In meiner ansonsten durch & durch drögen Tageszeitung entdeckte ich folgenden Knüller: „Suche liebevollen Mann, welcher am Wasser lebt, gerne älter, mit Platz für mich, 53, mollig, und meinen 19-jährigen Sohn, viele klassische LPs und ein Klavier.“ Knapp auf den Punkt, alles drin und dran, dabei spannend gemacht, insgesamt eine vorbildliche Kontakt-Annonce. Natürlich tauchen Fragen auf: Weiß der Sohn, was seine Mutter plant? Oder war sogar er derjenige, der drängelte: „Mutter, es ist nun an der Zeit, unsere kleine, hellhörige Mietwohnung zu verlassen. Die Nachbarn klopfen allzu laut mit den Besenstielen an die Wände und ich brauche Ruhe, um Beethovens Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 irgendwann fehlerfrei spielen zu können. Du weißt, diese Sonate ist eine der fünf schwierigsten der Welt. Geh und such einen Mann mit einem Haus, damit ich ungestört üben und bald auf internationalen Bühnen Erfolge feiern kann.“ Und hat die Mutter womöglich geantwortet: „Mein Sohn, das will ich gerne tun, aber das Haus sollte am Wasser liegen, denn Du wiederum weißt, dass ich mit meinem Faltboot für Olympia trainiere?“ „Natürlich, Mutter!“, mag der Sohn zugestimmt haben, „unser beider Glück soll gewährleistet sein.“ Ja, ich denke, so könnte es gewesen sein, und wünsche den beiden viel Erfolg.

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