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Na fein!

Sylvia Heinleins Wochenjournal über die Stürme im Wasserglas des Alltags. Diesmal: Andere Realitäten. Und: Die Orgienplanung geht in die nächste Runde

In vielen Homosexuellenkreisen ist eine Orgie kein großes Ding. Da wird Telefonkette gemacht, und das Ding läuft.

                                             

Gestern Nacht um drei aß ich sechs Scheiben Knäckebrot am Stück, schön dick beschmiert mit Frischkäse und Honig. Ich aß ruhig, konzentriert und ohne Eile, ich hatte keinen Termin. Einst habe ich nachts geschlungen, zumindest in meinem persönlichen kleinen Leben hat sich durch den Lockdown also etwas verbessert.

Ich hoffe, dass mein früheres Ich auf einer Zeitschiene weiterexistiert

Seit heute Mittag nun liege ich mit dem Laptop auf den warmen Fliesen im Badezimmer und dankte dabei meinem jüngeren Ich, das vor rund 20 Jahren 150 Mark in eine Fußbodenheizung investiert hat. Ich hätte gerne weitergemacht mit dem Loben, denn bestimmt habe ich auch alles mögliche andere wirklich gut gemacht. Aber mir fielen nur noch die am wenigsten netten Seiten an mir ein, und mittlerweile denke ich, dass ich vielleicht doch ein eher schlechter Mensch bin. Ich meine, ist nicht jede von uns in der Geschichte von etlichen anderen die Böse? Zudem: was, wenn mein früheres Ich auf irgendeiner Zeitschiene weiterexistiert? Könnte ich mich retten? Rein quantenphysikalisch ist ja alles möglich. Der Gedanke, dass es eventuell mehrere gleichzeitige Realitäten gibt, hat mich jedenfalls beruhigt. In irgendeiner Welt werde ich schon das Richtige tun.

Kenne ich zehn wirklich enthemmte Menschen?

Zurück also zu den Planungen meiner Sommer-Orgie. Die Vorbereitungen schreiten nur langsam voran. Erstens soll man im Winter keine aufregenden Pläne schmieden, sondern vor dem warmen Ofen ruhen. Zweitens ist alles recht verzwackt, jede Menge Fragen müssen im Vorwege geklärt werden. Zuallererst: die Auswahl der Gäste. Komplizierte Geschichte. Viele meiner Freund*innen und Bekannten rufen „hurra!“, wenn sie von der Orgie hören und freuen sich, weil sie noch nie auf einem unsittlichen Gelage waren. Wer in meinem Alter ohne Gelage-Erfahrung ist, hat allerdings gute Gründe – zum Beispiel mangelnde Hemmungslosigkeit. Das ist ein Problem. Mehr Probleme: Was ist mit Paaren, bei denen nur eine*r von beiden orgiengeeignet ist? Muss überhaupt die ganze Geschichte heimlichvor sich gehen, damit niemand Nichteingeladenes sich beleidigt fühlt? Starte ich vielleicht besser mit einer kleinen, verschwiegenen Orgie, nicht mehr als zehn bunt zusammengewürfelte, liederliche, triebhafte Menschen? Nächste Fragen: Kenne ich zehn wirklich enthemmte Menschen? Ist meine Blase etwa sehr viel sittlicher, als ich bislang wahrhaben wollte? Kann ich schnell noch die Realität wechseln? Ich bleibe dran.



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