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Lesen oder Lassen?

Buchvorstellung

Tessa Hadley, »Zwei und zwei«

Worum geht es?
Zwei Paare, zwei Frauen und zwei Männer, kennen sich seit mehr als 30 Jahren. Einer der Männer, Zachary, stirbt überraschend, und sein Tod verändert alles: Das Leben der Witwe, des besten Freundes, der Frau, die ihn früher geliebt hat, das der beiden Töchter. Ein Pfeiler im Leben der vier Freunde ist weggebrochen und dadurch wird das, was ist, instabil.

Was kann das Buch?
Tessa Hadley legt still und leise ihren Finger in Wunden und dreht ihn dann darin, bis man den Schmerz kaum noch aushält. Und wühlt Fragen auf, die anstrengend und anregend zugleich sind: Was wäre gewesen, wenn ich nicht meinen, sondern diesen anderen Mann damals geheiratet hätte? Was wäre passiert, wenn ich meine Jugendliebe nicht so schnell aufgegeben hätte? Je älter wir werden, desto mehr drehen sich doch auch unsere Gedanken um das, was war und hätte sein können. In „Zwei und zwei“ erleben wir das Leid der Witwe, die Zweifel der Freundin, die aufkeimende Angst vor dem plötzlich so greifbar gewordenen Lebensende beim besten Freund.
Was passiert mit einer Freundschaft, einer Liebe zwischen Paaren, wenn ein Teil fehlt? Wie entscheiden wir uns, wenn uns im Alter Fehler der Vergangenheit bewusst werden? Können wir sie rückgängig machen?
Man kann gar nicht anders, als diese vier Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten, über Jahrzehnte hinweg, von Studienzeiten bis heute in ihren Fünfzigern. Vier sehr ungleiche Menschen, hinsichtlich ihrer Vergangenheit, Temperamente und Wünsche, die einem alle von Zeile zu Zeile mehr ans Herz wachsen.          

Warum sollte mich das interessieren?
Wer sind wir ohne unsere Partner, was macht Freundschaft aus uns? Um diese Fragen dreht sich der Roman ebenso wie um die Vergänglichkeit und Träume im Leben. Während wir den Figuren des Romans folgen, erkennen wir uns vielleicht selbst wieder – in Christine, der Künstlerin, die sich wieder auf sich selbst besinnt, als das Schicksal seinen Lauf nimmt oder in Lydia, die sich von ihrem reichen Mann hat aushalten lassen und ohne einen Mann nicht sein kann. Das regt zumindest dazu an, über das eigene Leben nachzudenken. Über die eigene Selbstständigkeit, über das Alleinsein und den Stellenwert von Partnerschaft und Freundschaften.

Warum ist die Autorin interessant?
Tessa Hadley, Jahrgang 1956, ist erst spät zum eigenen literarischen Schreiben gekommen; mit 46 veröffentlichte sie Ihren ersten Roman. Ihr gelingt es in »Zwei und zwei« in einem ruhigen Ton sehr fließend zu erzählen, auch ohne große Spannungsmomente wird man deshalb sehr schnell von der Geschichte mitgerissen.
Für ihre Romane und Kurzgeschichten erhielt sie zahlreiche Preise, 2009 wurde sie zum Fellow der Royal Society of Literature gewählt. Weitere Romane von Tessa Hadley sind im Kampa Verlag in Vorbereitung.

Kostprobe:
„Christine wollte sich dicht neben sie setzen, sie berühren, konnte es aber nicht: Irgendetwas hielt sie davon ab. Weil Lydia verzweifelt war, stellte sie eine übertriebene Ruhe zur Schau. „Wird das mein Ende sein?“, fragte sie, wobei sie sich eine neue Zigarette anzündete. „Hat Zachary mich definiert, bestimmt, wer ich bin? Ich glaube das nicht. Aber vielleicht muss ich jetzt umdenken. Mir vorzustellen, was ich ohne ihn wäre – die Mühe habe ich mir nie gemacht. Ich habe nie etwas ohne ihn getan, seit Jahren nicht. Ich bin überhaupt nicht kompetent. Ich weiß nicht, wie man Steuern zahlt. Ich kann nicht Auto fahren.“
„Ach Lyd, mach dir darüber jetzt keine Gedanken“, sagte Christine. „Natürlich bist du kompetent. Das ist nicht dein Ende.“
„Warum nicht jetzt? Wir sollten jetzt über alles reden. Ich glaube dieser Moment kommt nicht wieder. Als nächstes wird sich alles zu seiner endgültigen Form verhärten. Wir vergessen, wie Zachary wirklich war.“

Tessa Hadley „Zwei und zwei“, aus dem Englischen von Gertraude Krüger, Kampa Verlag, 320 Seiten, 22€

Rezension: Anja Goerz

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