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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Bildmontage: Simone Glöckler

Worum geht es?

Als Maja und Eitan sich in Indien kennenlernen, funkt es sofort zwischen den beiden jungen Menschen – sie fühlen sich füreinander bestimmt. Sie, geboren und aufgewachsen in Ostdeutschland; und er in Israel, beschließen, sie werden ihre Leben künftig an einem gemeinsamen Ort verbringen. Vor dem Hintergrund der Lebensläufe der Elternpaare der beiden wird die Liebesgeschichte von Maja und Eitan erzählt.

Was kann es?

Die Autorin stellt durch ihre Figuren die existenziellen Fragen zum Glauben, dem Judentum an sich und dem Leben damit. Sie zeigt, wie schwierig es ist – oder sein kann –, sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden, auch wenn sich frau für aufgeschlossen hält. Durch die ausführliche Erzählung der Geschichte der beiden Elternpaare werden die deutsch-israelische Beziehung vor dem Jetzt-Zustand und die Zeitgeschichte beider Länder beleuchtet. Da es auch die Geschichte der Autorin ist, ist es der ehrliche Umgang mit den religiösen und kulturellen Barrieren, der besticht. 

Was hat das mit mir zu tun?

Es ist nicht nur die Geschichte Majas und Eitans, die wir lesen, sondern auch die der Eltern. Und das ist unsere Generation, und es ist unsere Geschichte, auch wenn wir andere Lebensläufe haben. Es sind die Fragen, die sich unsere Generation gestellt hat, noch immer stellt und eventuell mit den Antworten hadert. 

Warum sollte mich das interessieren?

Die vier Menschen, miteinander verbunden durch ihre Kinder, könnten gegensätzlicher nicht sein. Majas Eltern leben sich nach dem Kennenlernen schon nach kurzer Zeit wieder auseinander. Eitans Eltern, geprägt von der Geschichte des jüdischen Volkes, sind sich treu und erwarten viel von ihrem Sohn – auch, dass er sein Leben in Israel lebt und eine Jüdin heiratet. Die Autorin verwebt die Gedanken der älteren mit denen der jüngeren Figuren und so entsteht ein Gesellschaftsbild, das nicht passender zum jetzigen Zeitpunkt hätte erscheinen können. Klar, kantig und doch liebevoll geschrieben, habe ich die sechs Lebensläufe mit Begeisterung und auch nachdenklich verfolgt.

Kostprobe 

Sie ging mit wehenden Fahnen nach Israel, glücklich, nun keine antisemitischen Kommentare mehr zu fürchten. Und doch zutiefst traurig darüber, ihr Zuhause verlassen zu müssen. Ihre Eltern, ihr Leben, wie sie es kannte. Aber was hieß schon „müssen“? Hatte sie eine Wahl? Natürlich hatte sie eine Wahl. Und hatte doch keine, denn Eitan zu lieben, das hatte sie sich nicht ausgesucht. Das war ein Naturgesetz, und ohne ihn hätte sie weitergelebt und wäre doch gestorben. So wie sie in den sechs Monaten ohne ihn weiterlebte und sich doch wie tot fühlte. In diesen sechs Monaten ohne Eitan, in denen sie spürte, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Für Eitan oder für ihr Leben, wie sie es kannte. Eine Entscheidung, die letztendlich in der Frage mündete: Was war sie bereit aufzugeben, Liebe oder Zugehörigkeit?

»Alef« von Katharina Höftmann Ciobotaru, ecco Verlag, 414 Seiten, 22 Euro

Rezension: Simone Glöckler

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