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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Bildmontage: Simone Glöckler, Cover: Luchterhand Literaturverlage
Leïla Slimani: »Das Land der Anderen«

Worum geht es?
Die Elsässerin Mathilde lernt zum Ende des Zweiten Weltkriegs Amine, Marokkaner und Offizier unter Frankreichs Flagge, kennen und lieben. Die junge Frau folgt ihrem Herzensmann in ein fremdes Land und eine fremde Kultur. Sie lassen sich auf dem vom Vater geerbten Land nahe Meknès nieder, einer kleinen Stadt am Fuß des Atlas-Gebirges. Die Erzählung folgt Mathilde vom europäischen Treiben in die trockene Öde, wo die Liebe auf steinhartem Boden landet und die Bevölkerung beginnt, für seine Unabhängigkeit zu kämpfen.

Was kann das Buch?
Uns nach Marokko der 1950er-Jahre entführen. Mit klarer schnörkelloser Sprache, fast kühl, beschreibt Leila Slimani die turbulente Zeit, die das Paar erlebt. Beide versprechen sich eine Zeit voller Liebe, Leidenschaft und reicher Ernte. Die Annäherung an ihre neue Heimat jedoch wächst zäh wie die Erträge des schwer zu beackernden Bodens.

Mathilde möchte im Land ihres Mannes heimisch werden, glücklich sein, ihre Kinder großziehen und sich selbst nicht verlieren. Sie gibt nicht auf und lässt nicht locker, setzt unter anderem durch, dass ihre kluge Tochter aufs christliche Gymnasium in der Stadt gehen kann. Sie wird von den französischen Siedler*innen geschnitten, sie hat schließlich einen Marokkaner geheiratet. Amine wird von seinen Landsleuten streng beäugt, steht er doch Frankreich nahe und hat eine Christin geheiratet.

Beide finden sich zwischen den Stühlen wieder. Eingeklemmt in Traditionen, Unabhängigkeitsgebaren, Politik und der Gesellschaft. So kämpft das Paar mit den Widrigkeiten  und muss nebenbei die eigenen Erwartungen und Ansprüche hinterfragen. Dies ist wunderbar unaufgeregt erzählt, aus der Ferne der Beobachterin mit großer Liebe zu ihren Figuren und deren Gegensätzen.

Warum sollte mich das interessieren?
Der Roman basiert auf dem Leben Leïla Slimani Großeltern, an deren Geschichte sie die inneren und äußeren Umbrüche, Ängste und Hoffnungen der Protagonist*innen und der Gesellschaft erzählt. Eines Landes, das in den 50er-Jahren nicht unter einem wirtschaftlichen Aufschwung erblühte, sondern begann, sich aus den Zwängen einer Protektoratsverwaltung zu befreien.

Warum ist die Autorin interessant?
Leïla Slimani gehört zu den gefeierten Autorinnen Frankreichs, preisgekrönt 2016 für den Psychothriller „Dann schlaf auch du“ mit dem großen „Prix Goncourt“ und ihre Bücher werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Was sie als Autorin für mich so interessant macht, ist die Kunst Religion und Feminismus, Lust und Scham in ihren Werken aufeinanderprallen zu lassen und doch zu vereinen.

Kostprobe:
Eines Abends, als sie gerade auf die Farm gezogen waren, ging Amine im Sonntagsstaat durch die Küche, vorbei an Mathilde, die Aicha zu essen gab. Verblüfft sah sie zu ihrem Mann auf, unschlüssig, ob sie sich freuen oder ärgern sollte. „Ich gehe aus”, sagte er. „Alte Freunde von der Garnison sind in der Stadt.” Er beugte sich über Aicha, um sie auf die Stirn zu küssen, als Mathilde plötzlich aufstand. Sie rief Tamo, die gerade den Hof fegte, und drückte ihr das Kind in den Arm. Mit fester Stimme fragte sie: „Muss ich mich zurechtmachen oder ist das nicht nötig?”

Amine war sprachlos. Er stammelte, das sei ein Abend unter Freunden, das schicke sich nicht für eine Frau. „Wenn es sich für mich nicht schickt, wie kann es sich dann für dich schicken?” Und ohne zu begreifen, wie ihm geschah, hatte Amine Mathilde im Schlepptau, die ihre Schürze über einen Küchenstuhl gelegt hatte und sich in die Wangen kniff, damit sie rosig wurden.

Im Auto sagte Amine kein Wort und starrte nur mit mürrischem Gesicht auf die Straße, erbost über Mathilde und seine eigene Schwäche.

Leïla Slimani, »Das Land der Anderen«, Luchterhand Literaturverlag, aus dem Französischen von Amelie Thoma, 384 Seiten, 22 Euro.

Rezension: Simone Glöckler

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