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Dagobert Ducks Schwester hat ein schlechtes Gewissen

Das Glück der Neidlosigkeit


Die eine kann bedingungslos kaufen, die andere kaum den Kaffee zahlen. Über das Ungleichgewicht innerhalb einer Freundschaft

Das ist nun schon der vierte Anlauf: Mail an Janne. Betrifft:  — Wenn ich auf Papier schreiben würde, könnte ich wenigstens einen Bleistift zerkauen.
„Liebe Janne, ich schicke diese Mail, weil es mir peinlich ist, darüber zu reden.“
Genauso peinlich ist es mir offensichtlich, darüber zu schreiben. Ich lösche die Nachricht. Wir treffen uns ohnehin in zwei Tagen. Vielleicht fällt mir bis dahin eine Lösung für mein Problem ein.

Janne ist schon in der Bar. Ich setze mich zu ihr und bestelle einen Cocktail und ein Schälchen Datteln im Speckmantel. Janne trinkt Mineralwasser. Happy hour.
Am Wochenende war ihr Freund, der 600 Kilometer entfernt arbeitet, wieder mal zu Hause. Ich weiß, dass sie jetzt schon die Tage zählt, bis er wiederkommen kann.
„Und wenn du vorher hinfährst?“, frage ich vorsichtig.
„Kann ich mir nicht leisten.“
Den Cocktail kann sie sich auch nicht leisten. Ich bestelle ein zweites Glas, meines hat sie schon zur Hälfte getrunken.
„Und du?“, fragt sie und schaut mich etwas zu ausführlich an. „Ist das neu?“
Natürlich ist es neu, die Jacke ist neu, das Top auch. Ich habe mich über beide Teile gefreut, und irgendwie kam es dazu, dass ich auch noch in ein Schuhgeschäft hinein- und mit neuen Schuhen herausgegangen bin. Ich verknote beide Füße unter dem Tisch und sage undeutlich: „Hm, nein, nicht wirklich.“

„Ich lade Dich ein“ sag ich. Ganz falscher Satz

So ist das, seitdem ich einen besseren Job und ein wesentlich besseres Gehalt als meine beste Freundin habe: Ich verleugne mich von Kopf bis Fuß.  Die blonden Strähnen habe ich angeblich selber gemacht. Neue Jeans waren ein Sonderangebot. Die teure Uhr ein Schnäppchen. Und die Designer-Tasche hat mir meine Mutter geschenkt.
„Deine Mutter?“ Janne lächelt, sie kennt meine Mutter.
In Gedanken formuliere ich schon mal die fünfte Mail.
„Liebe Janne, wenn ich mit dir zusammen bin, habe ich das Gefühl, ich sollte mich schämen. Dass ich zu viel verdiene und zu viel ausgebe. Dass das nicht in Ordnung ist, weil Millionen Arbeitslose …“
Ich werde kurz wütend (auf mich) und lange ratlos (wegen der Millionen).
Um mich abzulenken, schlage ich vor: „Wollen wir ins Kino gehen?“
Janne zögert. Keine Sekunde komme ich auf die Idee, dass sie keine Lust auf Kino hat. Ich denke nur an das eine: zu teuer.
„Ich lade dich ein“, sage ich.
Ganz falscher Satz. Sie schaut mich verächtlich an. Sie will keine Almosen, natürlich nicht. Deshalb gehen wir auch seit Wochen in Restaurants, in denen das Essen mir zwar nicht schmeckt, aber billig ist. Früher soll es Speisekarten ohne Preise für Damen gegeben haben, und die Herren zahlten automatisch und diskret.

Ich gebe fast kein Trinkgeld. Sie soll nicht denken, dass ich mit Geld um mich schmeiße

Einmal  Mann sein! Ich würde mich großartig und ein wenig gönnerhaft fühlen dürfen, wenn meine Begleiterin mich bewundernd anschaut, weil ich ihr Hummer oder Filet vom Krokodil servieren ließe statt öde Spaghetti carbonara. Ach, Janne, warum willst du nur so unabhängig sein?  Und wie machen Männer das eigentlich, wenn sie gemeinsam um die Häuser ziehen? Spendiert der Besserverdienende seinem ärmeren Kumpel einen schönen Abend, oder deklariert er es als Geschäftsessen, damit bloß keine Gefühle in Rechnung gestellt werden können?

„Liebe Janne, ich kann doch nichts dafür, ich habe einen prima Job und werde gut für meine Leistung bezahlt. Du kannst auch nichts dafür. Du hast eine viel bessere Ausbildung als ich, aber leider musst du dich von einem mies dotierten Zeitvertrag zum nächsten hangeln. Ich könnte sagen, ich habe Glück gehabt. Aber das stimmt so nicht. Ich habe diesen Job auch bekommen, weil ich gut bin. So was darf man nicht mal denken. Weil es eine Ohrfeige für alle ist, die auch gut sind und das dennoch nicht bezahlt bekommen. So wie du.“
Ich werfe mein fiktives Wort zum Sonntag in einen fiktiven Papierkorb. Janne schlägt einen Spaziergang zum Rhein vor. Es ist ein lauer Sommerabend und Bewegung tut uns beiden jetzt gut. Sie zahlt ihr Mineralwasser, ich den Rest. Ich gebe fast kein Trinkgeld. Ich hoffe, Janne hat gesehen, dass ich nicht mit Geld um mich schmeiße.

Ich möchte Gleichheit, weil ich nicht weiß, wie ich mit der Ungleichheit umgehen soll

Geld allein macht nicht glücklich. Deshalb möchte ich, dass ich nicht allein Geld habe. Jede soll eine schöne Arbeit haben und keine einen Mangel. Irgendwie kommen mir diese Wünsche bekannt vor. Hören sich nach Paradies, Karl Marx und bedingungslosem Grundeinkommen an. Das macht die Wünsche nicht falsch. Nur, in meinem Fall, ein bisschen ungenau.
Ich möchte die Gleichheit auch deshalb, weil ich nicht weiß, wie ich mit der Ungleichheit umgehen soll. Dass die Welt da draußen ungerecht ist, weiß ich. Aber Freundschaften sollen finanzfreie Zone bleiben. Jede hilft jeder, so gut und womit sie kann. Status und Marktwirtschaft müssen draußen bleiben. Und wenn eine von uns Freundinnen sich den gemeinsamen Urlaub nicht leisten kann, dann legen wir eben alle zusammen. Haben wir doch in der Schule schon so gemacht, damit auch die armen Kinder an der Klassenfahrt teilnehmen konnten.
Dummerweise fällt mir jetzt ein, dass ich solch ein „armes Kind“ war. Und mich zu Tode dafür geschämt habe. Jetzt habe ich Geld und schäme mich schon wieder.

Wir sind durch die Straßen zum Fluss gelaufen. Sie hat nichts über meine neuen Schuhe gesagt. Ich habe auch nichts gesagt. Es gab eine Zeit, da habe ich mich heimlich, sehr heimlich, gefragt, ob Janne neidisch ist.  Das war die Zeit, als sie anfing, mich abzuwerten. „Befriedigt dich so was wirklich?“, erkundigte sie sich, als ich ihr von einer PR-Kampagne erzählte, an der ich arbeitete. Ein anderes Mal sagte sie: „Jetzt hast du zwar edlere Klamotten als früher. Aber irgendwie bist du auch oberflächlicher geworden.“ 
Wenn unsere Bankkonten sozusagen auf Augenhöhe gewesen wären, hätte ich vermutlich gesagt: „Hallo geht`s noch?!“
Nun aber dachte ich, dass es für sie ja auch etwas anstrengend sein könnte, mit so einer wie mir befreundet zu sein, die sorglos Urlaubspläne macht, viel Anerkennung im Job kriegt und keine Angst vor der nächsten Stromrechnung hat.
Gott sei Dank habe ich wenigstens Pech in der Liebe!
Der Rhein schlägt Wellen, die Fähre tutet, der Kapitän schmeißt den Motor an, die Sonne geht extrem kitschig schlafen. Ich schaue Janne an, sie schaut mich an, wir lachen gleichzeitig. Wir nehmen uns an den Händen, wir rennen die Holzplanken hoch, und los geht die Fahrt zum gegenüberliegenden Ufer. Was wir da wollen? Uns freuen.

Jede Frau sollte in Geld schwimmen

Drei Tage später bekomme ich Post. So richtig altmodisch auf Papier. Janne hat mir einen Brief geschrieben:
„Liebe Katharina, vielen Dank für die schöne Fahrt auf dem Rhein. Endlich haben wir wieder gelacht und waren so unbefangen wie früher. Was ist eigentlich los mit dir?
Seit du deinen neuen Job und damit mehr Geld hast, bist du ziemlich schräg drauf und willst mir dauernd was Gutes tun. Wenn es nicht so verrückt wäre, würde ich denken, du hast ein schlechtes Gewissen. Um Himmels willen, seit wann muss man sich rechtfertigen, dass man keine finanziellen Sorgen hat? Jede Frau ab 49, ach was, in jedem Alter sollte in Geld schwimmen.
Also: Sag mir nie wieder, deine neuen Schuhe seien vom letzten Jahr. Sehen übrigens klasse aus. Und hm, ja, wenn du mich demnächst wieder mal ins Kino einladen möchtest, also, der nächste Donnerstag passt mir hervorragend gut. Und dir? Ich freue mich. Alles Liebe an Dagobert Duck von Janne. “

Katharina von Wegen

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