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Suite Suzette

Casual Sex

Suzette Oh – unsere Kolumnistin weiß, was sie möchte. Jeden zweiten Donnerstag besuchen wir sie in ihrem Boudoir und lauschen ihrem Bettgeflüster

Vorgestern las ich im „Hot Bowl“-Newsletter der geschätzten Kolleginnen von Emotion, dass es einen neuen Trend gibt: Cuffing Season. Gemeint ist nichts anderes als ein Comeback der Knuddelzeit,einer Post-Corona-Sehnsucht nach einer tieferen Verbindung mit Partner*innen und echter Intimität statt One-Night-Stands.

Moment mal: Das mag sicher eine Option sein, aber sicher nicht die einzige. Ich bin jetzt mal so kühn und prophezeie sogar ein Riesen-Comeback für unverbindlichen Sex. Schließlich haben wir uns die letzten 20 Monate aus Sorgsamkeit auf eine Person konzentriert. Was nicht nur ich zwar vernünftig, aber nach ein paar Wochen sterbenslangweilig fand. Nichts gegen feste Liebhaber*innen. Ich war froh, in der Pandemie einen „Friend with benefits“ zu haben, der ebenso monogam gelebt hat wie ich. Auch wenn wir uns gut verstehen und der Sex auch nach Jahren noch Spaß macht, haben wir beide festgestellt, dass wir langfristig dafür nicht gemacht sind. Wir lieben nun mal die Abwechslung, das Prickeln des Unbekannten, das plötzliche Überwältigt-werden, wenn die Person mit der passenden Chemie vor uns steht – ähm – liegt. Und die Sehnsucht danach ist in den letzten Monaten mächtig gestiegen.

Sex und Lebenslust gehören zusammen

Vor der Pandemie blühte die Szene der Menschen, die auf Casual Sex stehen. Die entsprechenden Clubs und Bars waren voll, dort wurde das Leben mit einer Leichtigkeit genossen, an die man sich jetzt kaum erinnern kann. Mit den Lockerungen haben inzwischen einige Clubs wieder aufgemacht. Es gelten zwar sehr streng kontrollierte 2G-Regeln und nach wie vor Tanzverbot, aber Körperkontakt ist erlaubt. Als ich neulich aus reiner Neugier mal schauen wollte, wie die Szene nach Corona so tickt, bemerkte ich schnell, dass es die Besucher*innen nicht lange an der Bar hielt. Es zog alle ziemlich schnell auf die Spielwiesen, wo gevögelt wurde, als gäbe es kein Morgen. Lebenslust hat eben doch verdammt viel mit gelebter Erotik zu tun.

Neulich traf ich ein paar befreundete Frauen, die ich ewig nicht gesehen hatte. Einige hatten sich inzwischen von ihren Partnern getrennt, andere klagten, wie beschissen die ganzen letzten Monate als Single waren. Allen hatte die Pandemie gelehrt, bloß nichts mehr im Leben aufzuschieben. Auch keinen Sex. An dem Abend kursierten die Erfahrungen mit diversen Dating-Apps. Bumble steht – für mich eher unerwartet – bei der Suche nach lockerem Sex inzwischen weit oben im Ranking. Ich freute mich jedenfalls über die neuen Schwestern im Geiste, die ihre Lust über ihre Bedenken stellen und einfach nur noch genießen wollen.

Raus aus dem Käfig der Erwartungen

Denn genau dafür ist Casual Sex genau richtig. Keine Verpflichtungen, keinen Erwartungen entsprechen zu müssen, sich einfach zu nehmen, worauf man Bock hat. Frauen sollten sich dies noch viel mehr trauen. Von meinen Lesungen weiß ich, dass viele Frauen ihre Erotik viel offensiver ausleben wollen, aber Angst vor der Verurteilung der Gesellschaft haben. Männer gelten ja als tolle Hechte, wenn sie mit vielen Frauen ins Bett gehen. Frauen hingegen werden immer noch als Schlampen abgewertet, wenn sie ihre Sexualität frei genießen und aus herkömmlichem Rollenverhalten ausbrechen. Die letzten Monate haben hoffentlich dazu geführt, dass sich mehr Frauen trauen, im Hier und Jetzt alles zu leben und zu nehmen, was sie sich wünschen. Nicht umsonst steckt im Begriff Lebenslust eben auch die Lust fett mit drin.

One-Night-Stands können intim sein

Und was das Thema Cuddling angeht. Auch ein One-Night-Stand oder eine lockere Affäre können von großer Innigkeit sein. Die Intimität ist sogar häufig echter als in langen Beziehungen, wo sich die Routine eingeschlichen hat und weder Zärtlichkeit noch echte Lust einen festen Platz haben. Vielleicht sollten wir uns nur einfach von der Vorstellung verabschieden, was in festen Beziehungen und bei Casual Dating geht oder nicht geht. Und die Zeit, die wir mit Liebhaber*innen verbringen, viel bewusster erleben und genießen. Denn genau darum geht es bei Sex, der Spaß machen soll. Und nicht, ob wir fest oder locker verbandelt sind.

Suzette Oh ist im besten Alter, um die richtige in Theorie und Praxis erfahrene Sexpertin für uns zu sein. Tatsächlich hört sie außerhalb der gedämmten Wände auf einen anderen Namen, möchte aber auch weiterhin die Bestellung für ihre Schwarzwälderkirschtorte zum Geburtstag aufgeben, ohne dass die Verkäuferin kreischt: „Ich kenn Sie! Sie sind die tolle Sex-Kolumnistin!“
Wer jetzt schnell mehr von ihr lesen möchte, klickt auf die Links. Suzette Oh hat nämlich bereits aussagekräftige Bücher veröffentlicht, als da wären ihr „Pussy Diary“ und ihre erotische Phantasien in Bezug auf das Erben eines Hauses. Bzw. ein Hotel der Lust.
Suzette Oh auf Instagram

Illustration: Katharina Gschwendtner

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