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Palais F*luxx

Online-Magazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre

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Lasst uns übers Sterben reden!

Schaffen wir es, mit unseren Eltern darüber zu sprechen? Und das, wenn sie bereits erkrankt sind?

Gyde Greta Cold weiß: Über Ängste und Trauer ins Gespräch zu kommen, macht nicht nur das Sterben leichter – sondern auch das Leben

Wir nähern uns jetzt gedanklich dem Lebensabschnitt eines Menschen, der absehbar auf das Sterben hinauslaufen wird. Das ist schwer. Und dennoch können wir dazu beitragen, dass es nicht so bleischwer wird. Wie können wir vermeiden, dass noch die Tonnenschwere des Verschweigens und Verdrängens hinzukommt?

Das Reden um den heißen Brei namens Lebensende strengt sehr an und nimmt allen Beteiligten die Chance auf einen kostbaren Abschied. In manchen Familien wird auf dem Sterbebett – verzeiht mir die drastische Ausdrucksweise, aber sie macht die Absurdität so deutlich – ums Verrecken nicht über das Sterben gesprochen. Weshalb nicht?

Auf der einen Seite steht die große Hoffnung, doch durch ein Wunder wieder gesund werden zu können. Jeder kranke Mensch klammert sich an den starken Wunsch, für immer bei seiner Familie bleiben zu können. Oder einfach am Leben. Damit verbunden ist die Rücksicht, die Zurückbleibenden nicht belasten zu wollen: „Da die anderen das Unvermeidliche nicht ansprechen, wissen sie womöglich gar nicht, dass ich sterben werde, dann möchte ich es ihnen auch lieber nicht sagen und ihnen nicht die Illusion zerstören.“

Wenn das Funktioniern nicht mehr funktioniert
Krank sein ist mit Scham verbunden, denn als schwer erkrankter Mensch kann man nicht mehr funktionieren, keine Leistung mehr erbringen, ist nicht mehr der starke Vater oder die alles schaffende Mutter – sondern schwach, abhängig, hilflos und darüber sehr erschüttert und verängstigt.

Was passiert, wenn das Funktionieren nicht mehr funktioniert? Wenn der Selbstwert nur an Leistung, an erbrachte Arbeit, an ein Funktionieren und an einer bestimmten Funktion oder Rolle in der Familie hing? Dann bleibt im Selbstbild mancher Menschen kaum mehr etwas übrig. Stattdessen dominiert das Leiden am Verlust des Funktionierens – deshalb wird Hilfe auch lange Zeit abgelehnt, fremde Hilfe erst recht, denn dann sehen ja andere, dass man vermeintlich nichts mehr wert ist.

Gerade Männer denken oft, dass sie nur geliebt werden, weil und wenn sie etwas leisten und für die Familie machen, Geld verdienen, alle versorgen, das Haus und den blühenden Garten in Schuss halten und wenn das wegfällt, rutscht ihr gesamtes Selbstbewusstsein in den Keller.

Ein kleiner Exkurs zum Thema „Funktionieren“: Unsere Elterngeneration hat im Krieg und auf der Flucht Unerträgliches erlebt, was damals als traumatisches Gefühl abgespalten, eingekapselt und bei vielen von ihnen nur gelegentlich in Alpträumen aus dem Unterbewusstsein freigegeben wurde. Das Verdrängen von Gefühlen half ihnen, ihre zutiefst verletzenden und verunsichernden Erfahrungen während des Krieges zu ertragen. Stattdessen lernten unsere Väter und Mütter zu funktionieren – das war ihr Überlebensinstinkt. Dieses „nur Funktionieren“ blendete auch später, als die Gefahren vorüber waren, noch Gefühle aus und damit auch große Teile der Selbstwahrnehmung und folglich auch der Wahrnehmung von Gefühlen bei anderen Menschen. Auch den engsten Liebsten. Darunter leidet unsere Generation, wir sind die Kriegsenkel und versuchen zu entdecken und zu reparieren, was unsere Elterngeneration alles ins Schweigen geschoben hat. Angeheizt durch die Aufbaujahre nach dem Zweiten Weltkrieg stand Arbeit immer an erster Stelle, um einen immensen Zuwachs an Materiellem zu erreichen. Materielles, das den Mangel an Emotionalem ausgleichen sollte. Scham- und Schuldgefühle überdecken.

Das „Aufräumen“ der Seele unterstützen
Was können wir tun, wie helfen, wenn unsere Eltern mit solch einem Erfahrungsrucksack krank werden und wir den Eindruck haben, dass sie sich mit Unausgesprochenem quälen? Mit einem weichen und offenen Herzen blicken wir mit ihnen zurück, indem wir ihnen Fragen stellen. Unser Ziel wäre die Unterstützung einer seelischen Reinigung.

Wir können fragen: Quält Dich etwas aus Deiner Vergangenheit, dass Du klären oder von dem Du Dich befreien möchtest? Denn gerade am Lebensende kommen oft die traumatischen Bilder wieder hoch und wollen wenigstens einmal vor Zeugen beschrieben und ausgesprochen werden. Viele Sterbende quälen sich lange Zeit mit ungeklärten Situationen, haben vielleicht starke Schuldgefühle und können deshalb nicht loslassen und gehen. Solche Erlebnisse sind vorsichtig anzusprechen und wir müssen auch damit rechnen, dass unsere Fragen abgeblockt werden oder mit dem Erzählen körperliche Erschütterungen einhergehen. Sterben bedeutet Erinnern und Loslassen. Sowohl das Schlimme als auch das Schöne. Wichtig sind deshalb ebenso die Fragen nach den schönsten Zeiten des Lebens, welche waren das?

Neben den belastenden biographischen Erlebnissen und dem Nicht-mehr-Funktionieren kommen noch gesellschaftliche Stigmatisierungen des Sterbens hinzu, die dem schwer erkrankten Menschen zu schaffen machen: Es belastet ihn, dass er seine Familie nun enttäuschen muss, da er so anders geworden ist. Und dass er ihnen zusätzlich noch diese traurigen und belastenden Zustände des Krankseins und Zerfalls zumutet. Unsere Gesellschaft hat mit weiteren Ausschlusskriterien den Tod aus dem Leben aussortiert: Der Tod wird als Fehler, als ein klägliches Versagen gesehen – steht er doch unserem immer nach Ergebnissen und Erfolg strebenden Optimierungswahn im Weg. Unsere Aufgabe ist es, auch diese bewussten oder unbewussten Glaubenssätze aufzuheben, indem wir genau darüber sprechen und unsere Eltern beruhigen.

Bei Fragen oder Interesse, etwa diese Aufgaben gemeinsam in einer Gruppe zu machen, meldet Euch gerne bei Gyde Greta Cold, Trauerrednerin und Trauerbegleiterin www.trauerrede-cold.de

Wenn Du in seelischer Not bist und Hilfe brauchst, wende Dich bitte an eine der folgenden Nummern:

  • Telefonseelsorge: 0800/1110111 oder 0800/1110222 www.telefonseelsorge.de
  • Bundesweit tätige Trauerbegleitung findest Du hier: www.bv-trauerbegleitung.de/angebote-fuer-trauern/hier-finden-sie-unsere-trauerbegleiterinnen/
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei) www.deutsche-depressionshilfe.de
  • Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS): Adressen von helfenden Einrichtungen, Ansprechpartner nach Bundesländern geordnet, Tagungen, Hintergrundinformationen zu Suizidalität www.suizidprophylaxe.de
  • Kompetenznetzwerk zur Begleitung von Krise, Tod und Trauer in Zeiten von Corona Kontact2020 der Trauerbegleiterin Chris Paul www.chrispaul.de/kontact2020/
  • Internetseelsorge.de ist ein Portal zu katholischen Seelsorgeangeboten im Internet
  • www.internetseelsorge.de/
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