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Verschwendete Jugend

Anja Goerz hat einen 20-jährigen Sohn. Dessen letzte Schultage fielen Corona ebenso zum Opfer, wie die Abiturfeier. Über eine Jugend in Zeiten des Lockdowns – aus der Perspektive einer Mutter

Ab und zu höre ich lautes Lachen aus dem Zimmer meines Sohnes. Der schon nicht mehr hier zu Hause wohnen wollte, Studium im Ausland war sein Plan.
Mein Sohn hat im Sommer Abitur gemacht. Ist er nun Corona-Abi-Jahrgang oder sind es die, die im Sommer 2021 folgen? So oder so, leid tun sie mir alle.

Keine Erinnerung an die letzten Schultage – wir waren zu betrunken

Ich freue mich so sehr über dieses haltlose Gegacker aus seinem Zimmer, weil ich dann weiß, immerhin online kann er Spaß mit seinen Freunden haben. Die in anderen Zimmern sitzen, aus denen auch sie längst ausgezogen sein wollten.
Vor ein paar Tagen habe ich mit einem alten Freund gesprochen, über unsere Schulzeit und wie das so war, als sie zu Ende ging. „War das nicht großartig?“, schwärmte er, um sich dann zu verbessern: „Wobei ich eigentlich gar nicht mehr weiß, wie toll es war, weil ich mich kaum noch daran erinnern kann. Ich war betrunken oder so euphorisiert, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte.“

Immerhin, wir hatten das, einen letzten Schultag, einen Abschluss. Es gibt sogar Fotos davon. Die hat mein Sohn nicht. Er hatte nicht einmal einen letzten Schultag. Es gab da diesen Tag im März, da wurde gemunkelt, „die machen die Schulen zu“ und dann wurden er und seine Freunde „erstmal“ nach Hause geschickt. Und dann kamen die Mails, vorsorglich wegen Corona lieber doch noch ein bisschen länger zu Hause zu bleiben, und dann  bis zum Abschluss. Fragen und Ungewissheit tauchten auf: Ob Prüfung und wie Prüfung, geht das überhaupt? Es gab ja sogar Überlegungen, das Abi ausfallen zu lassen. Natürlich haben wir all das diskutiert, sinnlos, denn entscheiden konnten wir sowieso nichts.

Der Sohn sagt, er brauche keine Feier. Aber kann er das beurteilen?

Niemand hat diese (fast) Erwachsenen einmal gefragt, was sie eigentlich wollen. Mein Sohn hat gesagt: „Ist mir egal, Hauptsache, es ist bald vorbei. Ich brauch‘ keine Feier.“ Aber das kann er doch gar nicht beurteilen. Das weiß man doch erst im Nachhinein. So wie wir, die wir uns noch ganz schwach erinnern an diese süß-säuerliche Stimmung zwischen Abschied und Anfang, zwischen den alten Freunden und dem Aufbruch zu etwas ganz Neuem.
Die Jugendlichen in unserem Umfeld nehmen die Pandemie und alles, was damit zu tun hat, sehr ernst. Trafen sich im Sommer draußen, um so etwas Ähnliches wie ihren Schulabschluss zu feiern. Balkonparty mit Getränken, Chips, Musik – und Abstand.
Mehr geht nicht. Der eine hat eine Risiko-Oma, der andere einen Risiko-Vater, und der Sohn selbst ist ein Risiko, weil er in einem Laden jobbt. In einem Laden übrigens, vor dessen Tür Tag für Tag Menschen Schlange stehen, weil sie hier Duschschaum und Duftkerzen zwei Euro preiswerter bekommen als bei Douglas. Menschen, die shoppen, bis der Arzt kommt, wörtlich gemeint. Und die mit ihrer Sorglosigkeit und Ignoranz gegenüber dieser Pandemie dafür gesorgt haben, dass die Generation der heutigen Abi-Abschlussjugendlichen zu großen Teilen im luftleeren Raum hängt und Tag für Tag trauriger und depressiver wird.

Mein Sohn und seine Freunde versuchen, optimistisch zu bleiben

Mein Sohn und seine Freunde versuchen optimistisch zu bleiben. Einer hat –bis er einen Ausbildungsplatz findet, wie er sagt – einen Vollzeitjob in einem Fitnessstudio gefunden, das wenige Wochen danach wegen der neuen Hygienevorschriften wieder schließen musste. Jetzt ist er in Kurzarbeit. Ich glaube nicht, dass ich in seinem Alter wusste, was das ist.
Party, knutschen, verreisen. Geht alles nicht. Mein Sohn wäre der Letzte, der sich darüber beklagen würde. „Halb so wild, Mama. Ich muss jetzt auch gar nicht irgendwohin.“
Aber ich mache mir Sorgen. Das wird denen doch irgendwann fehlen, das gemeinsame Abschließen der Schulzeit, das Kennenlernen neuer Menschen, Mitstudenten und der Neuanfang in einer neuen Stadt?
Oder erinnern die sich dann einfach an Zeiten, „in denen wir nur vor dem Bildschirm gehockt haben, um was miteinander zu machen“?

Und jetzt kommt mir nicht mit: Ach, bei uns war das auch nicht alles Gold, wir haben uns nur auf das Studium konzentriert und dann noch gekellnert, um das WG-Zimmer finanzieren zu können.
Mein Sohn wäre froh, wenn er sich auf ein Studium konzentrieren könnte, und seine Freunde würden gern mit ihrer Band auftreten oder den Überbrückungsjob im Fitnessstudio wieder aufnehmen, um Geld zu verdienen. Aber: Corona.
Studiengänge werden verschoben ins Jahr 2021 oder noch später, zum großen Teil kein Präsenzunterricht, alles digital. Durch all die Studenten, die jetzt nicht ins Ausland verschwinden zum Studieren oder Worken und Traveln sind noch mehr Jugendliche im Land, die auch kaum Jobs bekommen, weil Kellnern ja gerade auch ausfällt und die Pizza schon von Schauspielern und Sängern ausgefahren wird. Lehrstellen? Mangelware, weil Firmen lieber gar nicht ausbilden in diesen seltsamen Zeiten.
Bewerbungen werden gar nicht oder nach Wochen beantwortet, klar, Homeoffice, da muss sich dann auch erst mal einer zuständig fühlen, der die Lebensläufe sichtet und Antwortmails verfasst.

Und in den Arm nehmen kann ich meinen Sohn auch nicht, weil er hustet und die Nase verstopft ist:

Corona, f … dich …

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