Jeden zweiten Mittwoch stellen wir Euch eine Frau vor, die ihr Leben umkrempelt
oder sonst etwas tut, auf das sie gerade Lust hat.
Nadia unterstützt mit viel Engagement queere Refugees. Die ehrenamtliche Arbeit wirbelt ihr Leben ordentlich durcheinander. Lebensalter? Spielt keine Rolle. Hauptsache, die Zeit reicht, um etwas zu bewegen.

Name: Nadia Saadi
Alter: Gerade sowas von unwichtig
Beruf: LGBT*-Aktivistin, Ally, Co-Gründerin von Rainbow Stories
Wohnt in: Frankfurt am Main
Motto: Ich finde immer eine Lösung!
Was beschäftigt Dich zurzeit am meisten?
Ich widme mich mit großer Hingabe dem ehrenamtlichen Aufbau unserer Initiative Rainbow Stories. Wir erzählen die Lebensgeschichten von Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder Identität ihre Heimatländer verlassen mussten. Dabei organisieren wir gemeinsam mit den Refugees Veranstaltungen, auf denen ihre Lebensgeschichten erzählt und durch künstlerische Performances sowie fachliche Podien begleitet werden.
Wie sieht das konkret aus?
Wir hatten beispielsweise schon zwei Events auf der Frankfurter Buchmesse, die uns als Partner von Anfang an auf großartige Weise unterstützt hat. Wir waren auch im Hilton, bei der Frankfurt University of Applied Sciences etc. Das macht alles großen Spaß. Der Hintergrund unserer Arbeit ist jedoch ernst: Weltweit werden Menschen aufgrund ihrer Sexualität ausgegrenzt, bedroht, eingesperrt und ermordet. Viele werden von ihren eigenen Familien ausgestoßen und erhalten nicht die geringste Unterstützung. Du kommst aber nicht weit, wenn es niemanden gibt, der an Dich glaubt und Dich unterstützt. Deshalb ist Co-Founder Frank Pauli dabei, unseren Bereich „Helfen“ aufzubauen. Ziel ist es, queere Refugees bei Studium, Ausbildung oder konkreten Projekten zu unterstützen.
Warum tust Du das?
Ganz einfach: Statistisch gesehen fallen rund 12 Prozent der Weltbevölkerung aus dem Cis- und Hetero-Raster. Sind schwul, lesbisch, bi, trans, nonbinär … Diese Menschen werden weltweit ausgegrenzt, verfolgt, eingesperrt, verstümmelt, getötet. Das ist kein Nischenthema. Auch in Deutschland werden queere Menschen immer noch angegriffen und teilweise sogar umgebracht. Ich definiere mich als Ally, so nennt man in der Community Verbündete, die selbst nicht queer sind. Ich will nicht in einem Umfeld leben, in dem meine homosexuellen oder nonbinären friends* bespuckt, bedroht oder verprügelt werden.
Was treibt Dich an?
Ich habe in den letzten Jahren viele Menschen kennengelernt, die mich mit ihrer Stärke, ihrem Kampfgeist und Lebenswillen enorm beeindruckt haben. Fast alle von ihnen haben einen festen Job; viele sind äußerst kreativ. Kostümdesigner Sadik zum Beispiel: Seit wir ihm über unser Rainbow Stories Support Programm eine Nähmaschine sponsern konnten, tritt er mit Vollgas aufs Nähpedal. Zaubert mit Minibudget kunstvolle Roben für unsere Performances. Dieser Lebenswille „against all odds” beflügelt und bestärkt auch mich. Ich schaue mir hier vieles ab: Jammer nicht! Stell gefälligst was auf die Beine, Nadia!
Was hast Du früher gemacht?
Als ich jung war, habe ich eine Künstleragentur aufgezogen. Später habe ich Journalismus studiert und bin in die Kommunikation gegangen. Ehrenamtlich engagiert habe ich mich schon immer. Inzwischen bin ich als Co-Founderin der Rainbow Stories fast nur noch ehrenamtlich tätig.
Worauf bist Du stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich als junge Mama meinen Magisterabschluss gemacht habe und später noch das wirklich schwierige Journalismusstudium durchgezogen habe. Ich bin stolz darauf, dass ich, neben meiner Muttersprache Deutsch, auch Englisch, Arabisch und Französisch spreche. Und ich bin megastolz darauf, dass zwei meiner Rainbow Stories auf der Frankfurter Buchmesse vorgelesen wurden.
Wie empfindest Du Deine derzeitige Lebensphase?
Ich empfinde mein Leben zurzeit als irre spannend. Mein Alter spielt da keine Rolle. Ich fühle mich stärker und lebendiger als in meinen Dreißigern. Gleichzeitig hat sich mein Fokus verschoben: Früher wollte ich vor allem schlank, schön und glamourös sein. Heute möchte ich (im Idealfall) als kreative, gut organisierte, verlässliche und empathische Person wahrgenommen werden. Aber Glamour liebe ich nach wie vor, lach.
Was ist Dein Rat an Frauen, die sich in der Mitte des Lebens neu aufstellen wollen oder müssen?
Folge Deinem Traum und glaube an Dich? Nein! So einfach ist es nicht. Mein Rat: Achte auf Deine Finanzen! Ich bin oft meinen Träumen gefolgt, bin träumend hoch geflogen – und brutal gelandet. Daher: Gib nicht mehr aus, als Du einnimmst; Existenzängste sind furchtbar. Viele Frauen stecken wahnsinnig viel Kohle in irgendwelchen Beauty-Quatsch statt in Rücklagen und Altersvorsorge. Geld ist zwar nicht alles, aber oft die Basis für die Erfüllung unserer Träume. Dieses Du-musst-nur-daran-glauben-dann-gelingt-dir-alles-Mindset finde ich gefährlich, wenn man das nicht im Blick behält. Dann lieber die Leidenschaft als Hobby auslagern – und mit dem Brotjob Miete und Rente bezahlen.
Was möchtest Du unbedingt in diesem Leben noch mal tun?
Je älter ich werde, desto mehr Freude habe ich am Lernen. Dank YouTube, Netflix und Webinaren ist es so einfach geworden, neue Dinge auszuprobieren. Ich habe in den letzten Jahren mein Französisch poliert und Webinare rund ums Texten besucht. Außerdem versuche ich, über YouTube Tanzworkouts zu folgen. Hip-Hop, Latin, sogar Ballett. Es fällt mir schwer, die Schrittfolgen einzuhalten, aber glücklicherweise schaut ja niemand zu. Zum nächsten großen Anlass möchte ich Walzer tanzen lernen. Analog, live und unter starker Führung. Dann würde ich in großer Robe über das Parkett eines Ballsaals schweben, anmutig wie einst Anna Karenina. Davon träume ich seit Jahrzehnten …
Hast Du Vorbilder?
Vorbilder habe ich keine. Aber ich bewundere Menschen, die sich für andere starkmachen. Bianca Jagger fand ich schon immer unglaublich. Glamourgirl, Jet Set, Studio 54. Dann Menschenrechtsaktivistin. Jetzt ist sie alt, aber immer noch kein bisschen leise. Wahnsinn! Außerdem bewundere ich Bettina Böttinger: Für ihren souveränen Moderationsstil, vor allem aber für ihre Menschlichkeit. Böttinger setzt sich seit vielen Jahren für die queere Community ein und hat uns von Anfang an unterstützt, obwohl kein Mensch Rainbow Stories kannte. Auf regionaler Ebene bringe ich der Arbeit von Knud Wechterstein großen Respekt entgegen. Er arbeitet für die AHF, ist Landeskoordinator der Rainbow Refugees und hat sie damals mitgegründet.
Dein Rat an Dein früheres Ich?
Hör auf zu hungern. Geh tanzen. Lerne Sprachen. Sammle Erfahrungen im Ausland. Tatsächlich tat ich genau das. Später. Aber nicht zu spät.
Vielen Dank, Nadia!
Wie gut geht’s uns eigentlich? Das fragt sich auch Gerlind Hector, die das Interview mit Nadia Saadi führen durfte, des Öfteren. Als mittelalte Cis-Frau mit Migrationshintergrund – der allerdings 400 Jahre zurückliegt – fühlt sie sich ziemlich privilegiert. Fazit: Toll, was Nadia mit Rainbow Stories macht, und dass sie darüber hinaus nicht vergisst zu leben, zu lernen, zu lachen und zu tanzen.
Link zu Nadia Saadi und den Rainbow Stories
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