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Palais F*luxx

Online-Magazin für Rausch, Revolte, Wechseljahre

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Macht doch, was ihr wollt!

Jeden zweiten Mittwoch stellen wir Euch eine Frau vor, die ihr Leben umgekrempelt hat, mittendrin ist in der Veränderungoder einfach was Verrücktes macht

Heute: Heide Bertram

Frei, mit 50 zuhause ausgezogen und alles andere als leise: Heide Bertram
Foto: privat



Stimmgewaltig und textsicher – Heide Bertram kann vieles, außer Hände in den Schoß legen. Als Freiberuflerin singt, schreibt und inszeniert sie, was das Zeug hält, und engagiert sich aktuell in ihrer Heimat, dem Münsterland, für ein Musikfestival, das 2024 stattfinden wird. Was sie aus Krisen gelernt hat und warum sie unsere Queen in Sachen „Dinge-zum-ersten-Mal-Machen” ist, lest Ihr hier:

Name: Heide Bertram
Alter: 59
Beruf: Freie Stimmkünstlerin und -bildnerin, Autorin in Lauerstellung
Wohnt in: Rosendahl im Münsterland
Motto: Ein Weg entsteht dadurch, dass man ihn geht.


Liebe Heide, was treibt Dich an?
Neugier auf das Leben und die Suche nach Erkenntnis.

Klingt positiv. Gab’s auch mal eine Krise?
Corona war ja für alle freiberuflichen Musiker und Performer eine riesige Herausforderung; da kam man ums Neuerfinden nicht drum herum. Als Dozentin in einem Fortbildungsprogramm für ErzieherInnen und Chorleiterin von damals noch vier Chören musste ich plötzlich auf Zoom umstellen. Im zweiten Corona-Winter habe ich dann mein Corona-Projekt begonnen, eine Klang-Installation mit Chorstimmen. 

Du hast also umgeswitcht und nicht aufgegeben …
Das kam nicht in Frage! Ich habe mich stattdessen intensiv mit Aufnahme- und Schnitttechnik auseinandergesetzt. Mein eigener Drang, als Sängerin auf der Bühne zu stehen, ist dagegen zum Erliegen gekommen. Durch die Aufnahmemöglichkeit im Home-Recording bin ich dann an einen Sprecher-Job für eine Literatur-Webseite gekommen, wodurch meine alte Liebe zur Literatur und zum Schreiben wieder aufgeflammt ist. 

Spannend – und beweist, wie wichtig Vielseitigkeit ist.
Ich kenne es nicht anders, da ich bisher nie einen fest bezahlten und fest umrissenen Job hatte, sondern meine Berufstätigkeit sich immer aus mehreren, wechselnden Quellen gespeist hat – es ist immer alles irgendwie im Fluss.

Gemütliche Sicherheit war nie Dein Ding?
Ich habe mal ein Jahr lang in das Lehrer-Dasein geschnuppert um zu prüfen, ob ich damit bis zur Rente käme, habe aber relativ schnell festgestellt, dass ich dann direkt wieder in der Mutti-Rolle festsitze. Überdies empfinde ich unser Schulsystem inzwischen als so verkehrt, dass ich das nicht mitmachen kann, ohne ständig Bauchschmerzen zu kriegen. Ich liebe außerdem die Abwechslung, die diese Stückelung in viele kleine Jobs mit sich bringt. Schwerpunkte verschieben sich, ordnen sich neu und Angebote, die kommen, lassen mir immer die Freiheit zu sagen „Ja, gerne!“ oder „Nein, Danke!“

Auf was kannst Du in dem Zusammenhang locker verzichten?
Auf Luxus und ein festes Monatsgehalt.

Dein größter Erfolg?
Steht hoffentlich noch aus.

Dein schlimmster Misserfolg?
Nach über 30 Ehejahren vor dem Scheidungsrichter zu stehen, hat sich in dem Moment auf jeden Fall so angefühlt, auch wenn es ohne Rosenkrieg abgelaufen ist. Allerdings sind wir jetzt wieder ziemlich beste Freunde und alles ist gut und richtig so, wie es jetzt ist.

Dein Fazit zum Thema Krise?
Wenn wir Tiefpunkte nutzen, um etwas Neues zu entwickeln oder auch Verschüttetes wieder auszugraben, bringt uns jede Krise weiter. Ich finde, das ist der eigentliche Sinn einer Krise. 

Wie empfindest Du Deine derzeitige Lebensphase?
Spannend, schön und befriedigend. Ich habe neulich gelesen, dass die Lebenszufriedenheit ab 49 wieder zunimmt. Bei mir hat es definitiv ein paar Jahre länger gedauert, aber dafür fühlt sich jetzt auch alles viel besser an.

Was hat Dich zu dem gemacht, was Du bist?
Meine Eltern haben mich wesentlich geprägt und sehr lange mein Leben mitbestimmt, in positiver wie in negativer Hinsicht. Sie haben mich einerseits immer zu selbstständigem Denken und Kreativität ermutigt, aber gleichzeitig war die Familie die wichtigste, wenn nicht die einzig mögliche Lebensform. Bei unserem ersten Kind hat meine Mutter die Betreuung übernommen, während ich noch in der Ausbildung war. Die ganze Zeit und darüber hinaus haben wir als Großfamilie zusammengelebt. Das hat dann dazu geführt, dass ich erst mit 50 Jahren und vielen Schuldgefühlen „von zu Hause“ ausgezogen bin. Ein Jahr lang habe ich unter sehr reduzierten Bedingungen gelebt und bin dann in eine Studenten-WG gezogen, was eine extrem nette Erfahrung war, auch wenn mein Studium zu dem Zeitpunkt schon längst hinter mir lag. 

Was ist Dein Rat an Frauen, die sich in der Mitte des Lebens neu aufstellen wollen?
Nutzt die Chancen, die sich ergeben, aber verbiegt Euch nicht. Ihr selbst seid die Menschen, denen Ihr gefallen müsst. Überlegt gut, was Euch wichtig ist und warum.

Gibt es etwas, was Du in diesem Leben noch mal tun möchtest?
Den Traum vom Wanderzirkus habe ich noch nicht ganz aufgegeben; nur darf es jetzt gerne der Literaturzirkus werden, also Bücher schreiben und damit auf Lesereise gehen. Ordentlich Französisch lernen wäre auch schön und gerne möchte ich Housesitting für Leute machen, die ihr Haus und ihre Katze während ihrer Abwesenheit versorgt wissen wollen. Im Idealfall lässt sich das mit dem Schreiben verbinden, denn fremde Umgebungen haben für mich immer was Inspirierendes.

Was hast Du zuletzt zum allerersten Mal gemacht?
Neulich habe ich zum ersten Mal selbst mein Vorderlicht am Auto ausgewechselt – das fand ich schon ziemlich spektakulär … Scherz beiseite: Ende Juni 2023 habe ich meine erste eigene Ausstellung in Steinfurt eröffnet. Es gab dort die Klang-Installation zu erleben, die ich zusammen mit meinem Partner Philippe Druez entwickelt habe. Wenige Wochen davor habe ich zum ersten Mal ein Theaterstück geschrieben und Regie geführt, ohne selbst auf der Bühne zu stehen. Das war eine ganz neue Erfahrung und hat sich richtig gut angefühlt. Eingebettet war das Ganze in ein größeres Gemeinschaftsprojekt des Stadtensembles Münster. Im Herbst 2023 habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in einen Vereinsvorstand wählen lassen, daraus erwächst für mich zum ersten Mal die Aufgabe, in 2024 ein Festival für Neue Musik in Münster mit zu organisieren.

Das sind ganz schön viele „erste Male” – toll! Wie tankst Du auf?
Manchmal reicht ein zehnminütiger Powernap. Bei emotionaler Erschöpfung hilft mir ein Spaziergang in der Natur, bei kreativer Erschöpfung entweder eine längere Pause oder Inspiration holen.

Hast Du Vorbilder? Die Malerin Grandma Moses, die mit 90 Jahren eine Weltkarriere hingelegt hat mit einer Tätigkeit, die sie immer geliebt hat, aber der sie sich erst mit 78 Jahren wirklich widmen konnte. Da ich nicht unbedingt 100 Jahre alt werden will, hab’ ich gedacht, ich fange ein bisschen früher an.

Vielen Dank!

Das Interview führte Gerlind Hector, die gern mal mit Heide zusammen singen würde. Mit ihrem eigenen Chor, den „First Ladys”, hat sie erst neulich „I will survive” von Gloria Gaynor einstudiert. Thema: Krisen bewältigen und doofe Ex-Partnerinnen hinter sich lassen. Und genau wie Heide liebt auch Gerlind ihre vielen kleinen Jobs, die immer wieder Abwechslung ins Leben bringen. Ganz vorn dabei: Palais Fluxx und die vielen tollen Frauen, die sie darüber kennenlernen darf.

Hier geht’s zu Heide


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