Close

»Gloria«: An oder Aus?

Warum der Spielfilm trotz seines bescheuerten Titels „Gloria – das Leben wartet nicht“ unbedingt sehenswert ist


ACHTUNG! DER FILM IST NICHT IN DER MEDIATHEK UND NUR NOCH HEUTE, MITTWOCHNACHT, UM 2:15 UHR ZU SEHEN!

„Gloria“ mit Julianne Moore, Fotos: Screenshot, Das Erste

Darum geht es:

Julianne Moore spielt eine Frau um die 50, die seit zwölf Jahren geschieden ist und deren Alltag sich in regelmäßigen Bahnen bewegt und einigermaßen ereignislos bleibt. Ihre Versuche, bei ihren erwachsenen Kindern eine stärkere Rolle zu spielen, laufen ins Leere. So bleibt für Amüsement und Entspannung nur, ab und zu tanzen zu gehen. In einer Ü50 Disco lernt sie eines Abends den eigenartigen und traurig wirkenden Arnold kennen, mit dem sie zunächst ins Bett geht und dann versucht, eine Beziehung zu führen.

Ist das gut?

Ja. Und nein.

Nein, weil Arnold nicht nur ein eigenartiger Mann ist, sondern auch, weil man bis zuletzt Schlimmes befürchtet. Der Film ist langsam, fast nüchtern und etwas melancholisch, in jedem Falle aber europäisch erzählt. Wenig passiert, dafür wird der Protagonistin viel Raum gelassen, uns mit in ihr Leben zu nehmen.
Wir ahnen, dass Arnold Gloria gegenüber nicht aufrichtig ist, und fürchten ein dunkles Geheimnis. Eines, das der sympathischen Gloria zum Verhängnis werden könnte. Dass Arnold ein Meuchelmörder sein könnte. Ein Psychopath. Ein armer Irrer. Das macht es mitunter etwas anstrengend, zumal Arnold mit dem Schauspieler John Turturro einigermaßen blass und unattraktiv besetzt ist und reichlich unklar bleibt, warum die tolle Gloria so einen traurigen Klops gut findet.

Am Anfang sind Gloria und Arnold ausgelassen, dann ist der Mann nur noch anstrengend

Ja, es ist gut, weil Gloria gut ist. Weil sie eine Frau in einem Alter ist, in dem sie sich neu sortieren, neu suchen und finden muss. Weil sie allein ist, ihre Kinder auf Abstand zu ihr gehen und den Kontakt fast meiden – man könnte auch sagen, weil sie erwachsen sind, und ohne ihre Mutter leben möchten. Weil Gloria sich in einem wenig aufregenden Arbeitsleben und einem ebensolchen Alltag eingerichtet hat und alles bewältigt, so gut sie kann. Ohne Theatralik, ohne Pathos und falsche Versprechen an sich selbst. Sie akzeptiert ihr Leben und sucht sich ihre guten Momente. Etwa, indem sie ständig die Musik ihrer Jugend laut mitsingt und selbstbewusst allein in die Disco geht.
Gloria ist gut, weil sie von der Nackt-Katze, die immer wieder den Weg in ihre Wohnung findet, angewidert ist und wir dabei sein dürfen, wenn sie sich im Bad vor dem Spiegel ein Haar vom Kinn zupft. Weil sie irgendwann das Kiffen anfängt und langsam loszulassen beginnt.

Ja, weil Julianne Moore diese Frau so gut spielt. Wie sie eigentlich alle Frauen gut spielt. Diese aber besonders. Leise und introvertiert, aber immer mit einem kleinen Mehr, das Gloria so interessant macht.
Egal, ob man selbst ein zurückhaltender Typ ist oder extrovertiert, ob man ähnlich ereignislos lebt oder viel mehr herumkommt, Julianne Moore schafft es, die Innerlichkeit dieser Frau so darzustellen, dass Gloria für so viele von uns Frauen in diesem Lebensalter zu stehen vermag.
„Gloria“ ist einer der – bislang – wenigen Filme, dem die Lebenssituation einer Frau im Wandel und Wechsel reicht, um davon zu erzählen.

Das Drehbuch und die Regie stammen von dem Chilenen Sebastián Lelio, der für seine Erstverfilmung von „Gloria“ mit der chilenischen Schauspielerin Paulina Garcia mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde.

Der Morgen danach – die Schönheit des fulminanten Desasters

Und sonst?

Sonst gibt es zu bemerken, dass man auch gern so eine Ü50 Disco in seiner Nähe hätte. Dort ist es zwar etwas steif, alle sind gut angezogen und Ausschweifung scheint nicht auf der Angebotsliste zu stehen, aber es ist klar: Hier kann man gut tanzen, die Musik ist mal nicht blöd (die Amerikaner haben Glück, bei ihnen gibt es keinen „Eisbär“, der nie weint und bereits vor 30 Jahren zu Tode genudelt wurde) und die Männer gehen einem nicht auf den Keks.
Hier kann man für sich sein, aber auch flirten und abschleppen. Hier kommt das Diktat der Jugendlichkeit am Türsteher nicht vorbei und es ist endlich mal gut, so – alt – zu sein, wie Frau oder Mann ist.
Rezension: Silke Burmester

Der Film läuft am Dienstag, den 20. Juli um – wir können ja eh nicht schlafen – 22.50 Uhr in Das Erste
und für alle, die erst um 02:15 Uhr nicht schlafen können, wird er am Mittwoch, den 21. Juli wiederholt

Hier könnt Ihr schon mal den Trailer anschauen


Euch gefällt der Beitrag? Dann freuen wir uns über Eure Unterstützung via Steady. Danke!
Close