Endlich wieder Licht. Luft. Sonne. Zeit, den Blick vom Smartphone zu lösen und ein Buch zu lesen. Hier sind unsere Lesetipps heißer, neuer Frauenwerke für Euch.


Djuna Barnes „So lange es Frauen gibt, wie sollte da etwas vor die Hunde gehen?“
Als Journalistin hat Djuna Barnes zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris und New York die Frauen* der Zeit getroffen und gesprochen. Schauspielerinnen, Frauenrechtlerinnen, Künstlerinnen. Elf ihrer Artikel sind in diesem kleinen, feinen Buch zusammengetragen und man kommt aus dem Feuerregen des Staunens nicht heraus. Eine forsche, beinahe respektlose Fragestellerin und unglaublich eloquente, geistreiche, witzige Gesprächspartnerinnen, die einen zu der Frage bringen, wie konnte die Welt nur so vor die Hunde gehen? SB
DJUNA BARNES: „Solange es Frauen gibt, wie sollte da etwas vor die Hunde gehen?“, Wagenbach, 22 Euro
Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
Der Mann ist tot – und die Frau fragt sich: Was ist bloß mit mir passiert in diesen 40 Jahren Ehe? Die niederländische Autorin Christien Brinkgreve, Soziologieprofessorin und Feminismus-Expertin, hat ihr Leben lang über Frauenrollen geforscht. Nach dem Tod ihres Mannes richtet sie den analytischen Blick erstmals auf sich selbst und stellt radikal ehrlich fest, dass ausgerechnet sie sich ihrem Mann immer wieder untergeordnet hat. Unbedingt empfehlenswert für alle, die sich für weibliche Prägung, aber auch für Verlust und Neuanfang interessieren. HK
CHRISTIEN BRINKGREVE: „Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“, Hanser, 23 Euro


Der Opernball
Die Göttin der Gnadenlosigkeit hat wieder zugeschlagen und macht sich über die Hautevolee Österreichs lustig. Stellvertretend für den europäischen Quatsch-Adel und den Rest der Aufgeblasenen. Für alle, die es lieben, wenn Boshaftigkeit und Klugheit sich laut stöhnend vereinen und man sich fragt, welches Schwammerl hier wirkt, ein MUSS! SB
STEFANIE SARGNAGEL: „Opernball – Zu Besuch bei der Hautevolee“, Rowohlt Hundert Augen, 18 Euro
Die glücklichste Familie der Welt
Sara ist schwanger und reist mit ihrer jüngeren Cousine Evi und ihrem Onkel Mats nach Berlin. Er will die Briefe seiner Mutter, die während des Nazi-Terrors mit einem Kindertransport aus Berlin nach Schweden gerettet worden ist, dem Jüdischen Museum übergeben. Alle drei tragen ihren eigenen Rucksack, gefüllt mit transgenerationalen Traumata, Ängsten und Zukunftsvisionen. „Brynhildsen schreibt modern, bewegend und lang nachhallend über die Wirkung von Familiengeschichte auf die nachfolgenden Generationen“ (Trude Teige). SN
ANNA BRYNHILDSEN: „Die glücklichste Familie der Welt“, S. Fischer, 23 Euro


Feindbild Frau
Die österreichische Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig beschreibt in ihrem neuen Buch, wie Frauen, die sich politisch engagieren, durch digitale Hetzkampagnen und Gewaltandrohungen angegriffen werden. Sie untersucht, wie sich dieser Hass auf Demokratie und Öffentlichkeit auswirken. Die Digitalexpertin legt offen, wie Frauen systematisch eingeschüchtert und aus der Öffentlichkeit verdrängt werden sollen. Dabei geht sie auf unterschiedliche Formen der digitalen Gewalt ein und arbeitet heraus, dass solche Angriffe oft bewusst von rechten Netzwerken bzw. Akteur*innen orchestriert sind, um die Frauen als Symbolfiguren einer verhassten „liberalen“ oder „feministischen“ Politik zu markieren.
Aber Brodnig bietet auch praktische Strategien – von rechtlichen Schritten über technische Maßnahmen bis hin zu Kommunikationstaktiken. KS
INGRID BRODNIG: „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“, Brandstätter Verlag, 25 Euro
Unser Haus mit der Rutsche
Safia Al Bagdadi erzählt aus dem Leben eines Mädchens aus Saarbrücken, das zwischen und inmitten dreier Kulturen und außergewöhnlichen Eltern ihre Zugehörigkeit sucht. Befremdet und staunend blickt das Kind auf seine sehr französische Mutter und Amir, den Vater, einen aus dem Irak stammenden Geschäftsmann, der wie ein bunter Vogel von Traum zu Traum springt. Das ist interessant und schön und mit einer wunderbar kindlichen Stimme erzählt, wie man sie nur haben kann, solang die Erwachsenenwelt ein Rätsel ist, von dem man nicht weiß, ob man es lösen möchte. Einfach ein sehr weiches, gelungenes Buch.
SB
SAFIA AL BAGDADI: „Unser Haus mit Rutsche“, Hanser, 24 Euro


Trag das Feuer weiter
„Trag das Feuer weiter“ ist der dritte und letzte Teil der Familiensaga der Autorin Leïla Slimani. Protagonistin ist Mia, eine erfolgreiche Schriftstellerin, die in Paris lebt. Ihr Brainfog führt dazu, dass sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, zurückkehrt, um dort in ihre Vergangenheit einzutauchen und sich mit dem Gefühl der Fremdheit auseinanderzusetzen. Bildhaft und poetisch geschrieben, eine berührende Verbindung zwischen Familie und Fremde, politischen und persönlichen Umbrüchen. KS
LEILA SLIMANI: „Trag das Feuer weiter“, Luchterhand, 25 Euro
Spiel das Spiel
Wie hoch ist der Preis für den sozialen Aufstieg? Kayden lebt mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in der Pariser Banlieue. Und sie kann schreiben. Die neue Französischlehrerin Madame Fontaine erkennt ihre Begabung und will, dass sie sich an der Pariser Eliteuni Sciences Po bewirbt. Kayden weiß nicht, ob sie das will. Was sie will ist die Zuneigung ihrer Lehrerin! Daas schreibt über Macht, Klasse, die französische Leistungsgesellschaft, Rassismus, Solidarität und kompromisslose Freund:innenschaften. Für ihr Debüt „Die jüngste Tochter“ erhielt sie den Internationalen Literaturpreis 2021. SN
FATIMA DAAS, „Spiel das Spiel“, Claassen, 23 Euro

Kleine Schwächen
Die junge Mutter Carmel hat zwei Freuden im Leben: das Schwelgen in Erinnerungen und Schlaf. Beides kommt ihr abhanden, als ihre 10jährige Tochter Lucy verdächtigt wird die 3jährige Mia getötet zu haben – in einer Südlondoner Sozialsiedlung, wo Äußerungen wie „irische Sozialschmarotzer“ fallen. Der sensationsgierige Journalist Tom wittert seine Chance auf eine Story, und versucht Carmels Vertrauen zu gewinnen. In Nolans intensiven Roman – Psychogramm einer Familie und Sozialdrama – prallen Klasse, Trauma, Gewalt, Misogynie und Hass aufeinander
SN
MEGAN NOLAN: „Kleine Schwächen“, Kjona, 24 €uro


prince
Rebecca Spilkers Buchdebüt „Mega“ von 2025 zeugt von dem sprachlichen Vergnügen, das die Autorin mit leichter Hand zu bereiten versteht. In der „100 Seiten“-Reihe des Reclam Verlags lüftet sie ihre Liebe zu, aber auch ihre Kenntnis über das musikalische Genie Prince. So sind diese 100 Seiten eine Verneigung auf unterschiedlichsten Ebenen – und das: eine samtene, unterhaltsame Bereicherung. Pop Life at its best, inklusive Playlist. SB
REBECCA SPILKER: „Prince“, Reclam, 12 Euro
Zufall ist eine Insel
Ein Buch aus Euren Reihen! In Lexow hat diejenige, die sich hinter dem Pseudonym verbirgt, noch aus ihrem Manuskript gelesen, hier ist der Roman! „Dating
– Fiftysomething“ ist der Untertitel, und wir begleiten zwei Frauen bei ihren Irrungen und Wirrungen und Sex mit der Falschen, bis sie sich endlich treffen. Dafür werden wir an die See mitgenommen und sind bei einigen Tassen Filterkaffee dabei. Ein Wohlfühlroman, wie ihn zwei wunde Frauenherzen und der Glaube an die Liebe „auf Augenhöhe“ verdienen! SB
JULIA HEINFELDT: „Zufall ist eine Insel“, Ebook, Epubli, 6,99 Euro oder als Taschenbuch 15,99€


Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern
Seit Jahrzehnten ist Antje Schrupp feministisch engagiert. Sie hat Politikwissenschaften und Evangelische Theologie studiert und ist einfach unglaublich klug und gebildet. Umso spannender, dass sie im feministischen Diskurs unbeliebte Positionen einnimmt, etwa gegen die Quote zu sein. In ihrem neuen Buch diagnostiziert sie das Patriarchat als überwunden und verbreitet in Anbetracht der Chaoten, die aktuell das Weltgeschehen bestimmen, überraschenden Optimismus. Ein Buch für alle, die aktuelle Positionen kennen möchten. Und mitreden. SB
ANTJE SCHRUPP: „Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“, Aufbau, 20 Euro (Hardcover)
Anti Müller
Die namenlose Ich-Erzählerin ist Dramatikerin, schreibt gerade ihren ersten Roman und hat einen unbändigen Kinderwunsch. Sie versucht sich von der gescheiterten Beziehung zu ihrem Ex – einem gefeierten Autor – zu erholen. Der für sie zwar gestorben ist, als Gespenst jedoch ständig in ihrem Kopf und System rumspukt. Hat er sie doch hingehalten und ihren Wunsch nach einem Baby ausgesessen – sechs Jahre lang! Tinder und Affären sollen darüber hinweghelfen oder zumindest ablenken. Was nicht so richtig klappt. Schreibblockaden, die tickende biologische Uhr (die Protagonistin hat nur noch einen Eierstock, was den Druck erhöht) und die Wut auf das Patriarchat steigen. Der Titel von Önders schafsinnigen Gesellschaftsroman spielt auf das Hormon „Anti-Müller“ an – das die Fruchtbarkeit einer Frau bestimmt – und auf Andi Müller, jenem Tinder-Trost-Date und attraktiven Schauspieler, den sie nach dem Ende ihre Beziehung datet. Und der natürlich auch kein geeignetes „Vater-Material“, weil unverbindlich, ist. Yade Yasemin Önder schreibt über Schmerz, Wut und den Zwiespalt, in dem ihre Heldin sich befindet: obsessiver Kinderwunsch versus patriarchale Welt und Realität. Önders Sprache gibt die Zerrissenheit ihrer Protagonistin wieder: Wortkaskaden, selbstironisch, wütend, sarkastisch und voller atemloser Sätze und wild sprudelnder Gedanken und Gefühle. SN
Yade Yasemin Önder: „Anti Müller“, park x ullstein, 23 Euro


Real Americans
Die Geschichte einer chinesisch-US-amerikanischen Familie umfasst drei Generationen. Es scheint das perfekte Liebesmatch zu sein: Lily Chen begegnet in New York 1999 Matthew, attraktiver Erbe eines Pharma-Imperium. Sie heiraten, bekommen einen Sohn. Jahre später macht sich ihr Sohn Nick auf die Suche nach seinem abwesenden Vater. Er lebt mit seiner Mutter auf einer abgelegenen Insel vor Seattle. Und dann ist da noch Lilys Mutter eine chinesische Wissenschaftlerin, die einst vor Mao in die USA floh. Khong verwebt multiperspektivisch die Geschichte Chinas, Identitätsssuche, Zugehörigkeit, Familie, Gesellschaft und Genforschung zu einem dichten, lebendigen Roman. SN
RACHEL Khong: „Real Americans“, Kiwi, 24 Euro
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Vorgestellt haben Euch die Bücher: KS = Katrin Schwahlen, SN = Sohra Nadjibi, HK = Heike Kleen, SB = Silke Burmester
