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Lesen oder Lassen?

Buchbesprechung

Bildmontage: Simone Glöckler, Cover: @Cass Verlag

Worum geht es?
Momoko Hidaka ist 74 Jahre alt und lebt am Rande einer japanischen Stadt. Sie hat den geliebten Mann verloren, die Kinder sind aus dem Haus. Kontakt zu den Enkel:innen hat sie eher selten. Und so kommen der alten Dame allerlei Gedanken in den Sinn – über ihr Leben, über ihre Träume und an ihren verstorbenen Mann. Und die Gedanken spülen eines hoch: ihren heimatlichen Dialekt, den sie über die Jahre in der Stadt abgelegt hatte und vergessen glaubte.

Warum sollte mich das interessieren?
Die Gedanken der Momoko sind die Gedanken einer klugen, alten, einsamen Dame, die ihr Leben Revue passieren lässt. Sie, die mit 24 Jahren ins große Tokio zog, um als moderne Frau ihre Freiheiten zu genießen, und dann doch in die Tradition geht: Mann, Kinder, hübsches Zuhause und dabei so sein, wie es der Mann wünscht. Nun, da der Druck gefallen zu wollen und müssen verschwunden ist, gönnt sie sich die Zeit zum Nachdenken. Über ihre jungen Träume, die Erziehung der Kinder, dem jetzigen Schweigen der Kinder und der Liebe zu ihrem Mann, neben der kaum etwas existieren konnte.

Und mit dem Nachdenken kommen die Stimmen. Momoko hört die Stimme ihrer Großmutter, ihres Mannes Shuzo und die ihres jüngeren Selbst. Sie spricht mit sich, sie fragt sich, sie antwortet sich und so wird das wirklich berührende, niemals selbstmitleidige Porträt einer japanischen Frau gezeichnet, die sich im Alter findet. Und sich Fragen stellt, die uns alle umtreiben. Wahrhaftig, ehrlich, schnörkellos und präzise notiert ist der Roman nie langweilig, auch wenn kaum etwas geschieht.

Wie ist es geschrieben?
Das Buch, wenn es auch nur etwas mehr als 100 Seiten dünn ist, erfordert Zeit, da die Passagen aus dem nordostjapanischen Dialekt in einen deutschen Dialekt übertragen wurden. Der Cass Verlag, der nur japanische Literatur veröffentlicht, hat es gewagt und meiner Meinung nach gewonnen. Der für die Übersetzung gewählte vogtländische Dialekt bereichert das Buch, zeigt so auch den Facettenreichtum eines nach außen trist wirkenden Lebens.
Die geschriebene Mundart ist anfänglich nicht leicht zu verstehen, doch das gibt sich durch lautes Im-Kopf-lesen.

Warum ist die Autorin interessant?
Chisako Wakatake, Jahrgang 1954, führt bis zum plötzlichen Tod ihres Mannes das folgsame Leben ihrer Protagonistin und absolviert „um auf andere Gedanken zu kommen“ acht Jahre lang einen Kurs in kreativem Schreiben. Mit 63 legt sie „Jeder geht für sich allein“ vor und erregt sogleich Aufsehen. Zum einen aufgrund ihres Alters und zum anderen, da sie zwei Preise für den Roman erhält und die bisher älteste Preisträgerin Japans für einen Debütroman ist.

Kostprobe 
Ich grüble eben gern, denke gerne nach, nicht nur über andere, sondern auch über mich selbst, das liebe ich, denkt Momoko und fragt sich erschrocken: So wie der Mann im Zug seinen Schnaps? Momoko nickt leise. Aber wirklich glücklich gemacht hat es sie nicht. Das bloß zuschauende Leben. Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle. Nur das jedenfalls hatte die sprunghafte Momoko immer endlos gekonnt: zuschauen. Ihr Leben war, genau genommen, ohne Weite gewesen. Ein Leben des bloßen Schauens, des bloßen Betrachtens. Das sich nur selbst befragte und selbst die Antworten gab, sich im Selbstgespräch verzehrte. Ein Plusminusnull. Ein Leben wie ein Stau in der Strömung. Sie wirkte auf niemanden ein, bewirkte noch weniger.

„Jeder geht für sich allein“ von Chisako Wakatake, übersetzt von Jürgen Stalph, die Passagen ins Vogtländische übertrug Heinrich Schneider, Cass Verlag, 108 Seiten, 22 Euro

Rezension: Simone Glöckler

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